Coronapandemie – ein lang währender Aschermittwoch

©Privat

Ich möchte im geistlichen Wort etwas über den heutigen Aschermittwoch schreiben. Jenen Tag, den die Christen nach den tollen Tagen der Fasnacht begehen und der Nüchternheit ins Leben bringt. Wie oft wachte man auf und hatte nach den Tagen der Ausgelassenheit und des unbefangenen „Außer-Sich-Seins“ das Gefühl: „Jetzt gilt es wieder, zu sich zu kommen“. Der Aschermittwoch lädt ein, den Lauf des Lebens zu unterbrechen, sich bewusst zu werden, was im Leben wichtig ist, was trägt, aber auch, was man entbehren kann. Das Ritual des Tages ist das Aschenkreuz auf das Haar zu streuen. Es erinnert an die Vergänglichkeit des Lebens und läutet mit der 40-tägigen Fastenzeit einen Zeitraum der selbstgewählten Einschränkung und des Verzichtes ein. Diese soll der Vorbereitung auf Ostern dienen, dem christlichen Fest des Lebens.

Aber in diesem Jahr ist es anders! Da gab es keine ausgelassenen Fasnachtstage, die in einem so eindrücklichen Kontrast zum Aschermittwoch stehen würden. Coronabedingt fiel die Fasnacht aus – wie so vieles andere, was wir in unserem Leben für selbstverständlich hielten.
Mir scheint, dass wir seit Beginn der Coronapandemie in einem fortdauernden Aschermittwoch leben. Die Pandemie macht uns unsere Vergänglichkeit bewusst und zeigt, dass das vermeintlich Selbstverständliche nicht selbstverständlich ist: Gemeinschaftliches Feiern, Reisen, Präsenz-Schulunterricht, nahe Kontakte, uneingeschränkte Mobilität....und insbesondere unser aller Gesundheit und Lebendigsein. Wir machen weitreichende Erfahrungen der schmerzhaften Einschränkung – für viele verbunden mit großen Spannungen in der Beziehung zu sich und anderen in der Familie, in Schule oder Beruf. Manche kommen an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Für viele bringt die Pandemie sogar Krankheit, Leid und Tod. Und wir wissen nicht, wie lange dies so sein wird.

Die Tage der unbegrenzt scheinenden Möglichkeiten scheinen vorerst vorbei. Unterbrochen ist unser oft routiniertes Alltagsleben mit seinem häufigen Motto des „Schneller, weiter, höher“. Die Pandemie ist Krise, aber sie ist auch Chance. Erlebtes kann sich innerlich setzen, in eine neue Ordnung kommen – wie der aufgewühlte Sand in einem Wasserglas. Oder wie ein Reset am PC! Alles runterfahren innerlich und äußerlich – und dann neu starten. Neben Einschränkung und Leid brachte die Pandemie auch viel Solidaritätserfahrung und die Entdeckung von neuen Entwicklungsmöglichkeiten mit sich: Familien entdeckten beispielsweise die Freude am gemeinsamen Spiel neu, Nachbarschaftshilfen wurden organisiert, alte Fragen wurden neu gestellt: Was ist jetzt wirklich wichtig, was tut gut, was trägt, was will ich wirklich?

Die Fastenzeit endet für Christen an Ostern im Fest des Lebens und der Auferstehung. Auch die Pandemie wird hoffentlich ein Ende finden. Silberstreifen am Horizont bilden sich mit den Impfaussichten ab. Vorerst aber heißt es, solidarisch durchzuhalten, das Gegebene und Einschränkende anzunehmen und so gut es geht zu gestalten. Und es heißt, die Zeit zu nutzen und sich vorzubereiten auf die Tage, wenn hoffentlich die von außen auferlegten Einschränkungen wegfallen. Dann nämlich liegt es an jedem/jeder von uns, ein gutes Maß und eine gute Balance für sich selbst und sein Leben neu zu finden – in Verantwortung gegenüber sich selbst und seinen Beziehungen in Partnerschaft, Familie und Gesellschaft.

Alexander Wessel
Leitung der Psychologischen Familien- und Lebensberatung Esslingen-Nürtingen
der Caritasregion Fils-Neckar-Alb