Himmelfahrt

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Da oben im Himmel, dort im Ungewissen, im weiten großen Raum - dort wird mein Leben geregelt. So stellte ich mir das als Kind vor.

Geheimnisvoll, anziehend, unvorstellbar und zugleich entlastend kann diese Vorstellung sein.
"Vater unser im Himmel", so beten wir und hoffen, dieser Vater wird schon auf uns aufpassen.
Als der Tag des Abschieds kommt, verschwindet Jesus vor den Augen seiner Jünger. Zwei Männer stehen plötzlich da und fragen (Apostelgeschichte 1,11).

Eigenartig schroff klingt diese Frage am Ende der Geschichte: "Was steht ihr da und seht zum Himmel?" Fast aggressiv klingt sie; und sie lässt die Menschen dastehen, als hätten sie nichts begriffen.
Dabei hatten sie doch Zeit genug gehabt zum Lernen oder zum Begreifen. Vierzig Tage nach den Schrecken von Verurteilung und Kreuzigung Jesu und den verwirrenden und wunderbaren Erfahrungen der Auferstehung hatte sich ihnen Jesus als Lebendiger gezeigt. Sie konnten ihn sehen, berichten die Ostergeschichten, mit ihm reden, mit ihm essen, diskutieren über das Reich Gottes.
Darüber hinaus bekommen sie konkrete Aufträge: Sie sollen Zeugen des lebendigen Christus werden, seine Arbeit auf Erden weiter tun. Ihnen wird auch Hilfe dafür zugesagt. Sie werden "die Kraft des Heiligen Geistes empfangen". Und dann ist Jesus plötzlich weg, diesmal endgültig.
Die Jünger sind ratlos, hilflos und warten in geradezu kindlicher Weise auf weitere Weisungen himmlischer Autorität.

So verstehe ich diese Szene, und ich finde das Verhalten sehr menschlich.
Wir als Christinnen und Christen des 21. Jahrhunderts haben es da vielleicht einfacher. Wir haben Jesus nicht gekannt, nicht gesehen, nicht gesprochen, nicht mit ihm gegessen. Wir sind auf die geschriebenen Geschichten angewiesen. Wir haben Distanz zu dem lebendigen Jesus.
Oder doch nicht? „Jesus lebt“, steht auf manchen Autoaufklebern. „Er ist mitten unter uns“, sagen wir in unseren Gottesdiensten.

Jesus lebt? Das klingt manchmal auch wie eine Beschwörungsformel, das Ende aller Diskussionen. So, als wollten wir diese Himmelfahrt nicht wahrhaben, ähnlich wie diejenigen, die dabei waren.
Es klingt paradox: Solange wir bei diesem Satz immer noch in den Himmel gucken, werden wir den lebendigen Christus nicht finden.

Solange wir dabei immer noch glauben, Gott oder Jesus werde unser Leben schon regeln, können wir die Verantwortung, die damals den Menschen übergeben wurde, nicht für uns annehmen. Die Männer in weißen Gewändern sagen: „Seht nach unten! Bleibt auf der Erde, werdet selbständig!“ So gesehen ist dieser Auftrag die Fortsetzung der Ostergeschichte. Die Frauen am leeren Grab bekamen denselben Auftrag. In unserem Alltag, im eigenen Leben sind wir Zeugen Jesu. Er lebt weiter durch uns, wir sollen ihn bezeugen, auf ihn hinweisen, auch wenn er in einer Dimension lebt, die wir uns weder vorstellen können noch sollen.

Die Jüngerinnen und Jünger brauchten für einen ersten Schritt in die Selbständigkeit noch ein paar Tage des engen Zusammenseins, der Vergewisserung der Gemeinschaft und des gemeinsamen Gebets. Dann erst, an Pfingsten wagen sie den Schritt hinaus. Die Himmelfahrt Jesu war nötig. Erst als er wirklich fort ist, besinnen die Menschen sich auf sich selbst und ihre Möglichkeiten.
Christi Himmelfahrt bedeutet für mich deshalb: Sucht Jesus Christus nicht im Himmel, sondern in dem, was euch begegnet. Sei es nun erfreulich oder belastend. Jesus ist da. Er ist gegenwärtig in der Kraft des Heiligen Geistes.

Mit dieser Kraft ist es so wie mit dem Segen und der Liebe Gottes: Sie erfüllt uns, wenn wir um sie bitten, sie vermehrt sich, wenn wir ihr vertrauen, sie wird ganz real, wenn wir sie im alltäglichen und im sonntäglichen Leben und Glauben gebrauchen und uns auf sie verlassen.
Himmelfahrt Christi heißt für mich: Jesu Liebe ist gegenwärtig. Das bedeutet für uns: Freude aneinander haben, Mitgefühl zeigen, sich gegenseitig Glück wünschen und mitgeben, Menschen aneinander weisen.

Jesus suchen heißt, das Leben ehren und hoffen, dass niemand verloren geht, wieviel Umwege, Irrwege und Holzwege wir auch gehen.

Himmelfahrt: Jesus ist gegenwärtig. Alles ist in Gottes Hand, auch der Friedhof, der Gottesacker, wo aus Sterben Leben werden wird.

Himmelfahrt  - was steht ihr da und seht zum Himmel? Seht auf die Erde! Jesus lässt sich hier suchen und finden.

Evelyn Helle, Pfarrerin für Alten- und Pflegeheimseelsorge