Fronleichnam

©Brandenstein

Fronleichnam – vor meinem inneren Auge erscheint eine Fotografie aus Kindertagen: Wir drei Geschwister, 2-, 3- und 5-jährig im Sonntagsstaat – gestärkte Kleidchen, Kränzchen im Haar, Körbchen mit Blüten. Bei der Prozession durften wir Blumen streuen. Wunderschönes Wetter, fast schon zu heiß. Der Pfarrer und der Kaplan hatten einen Sonnenschutz, einen Baldachin, den man „Himmel“ nannte und der von starken jungen Männern getragen wurde. Der Pfarrer trug dieses wunderschöne goldene Gefäß, das wie eine Sonne aussah. „Da ist Jesus drin“ sagte man uns. Verstanden haben wir das damals sicher nicht. Und auch ein paar Jahre später, als ich nach der Erstkommunion noch mal im weißen Kleid bei der Prozession direkt hinter dem „Himmel“ mitlaufen durfte, blieb dieses Fest unter strahlendem Frühsommerhimmel ein schillerndes, monstranzgoldenes und blütenbuntes Geheimnis.

Kein Wunder, dass bis heute pubertierende katholische Sechstklässler immer noch ihre englische Version von „Frohe Leiche“, nämlich „Happy Cadaver“ witzig finden und behaupten, keine Ahnung zu haben, um was es bei diesem Fest geht.

Natürlich hat „Fronleichnam“ nichts mit unserem heutigen Begriff „Leichnam“ zu tun. Es ist ein mittelhochdeutsches Wort und bedeutet: „des Herren Leib“. Das Fest wurde eingeführt auf die Vision der Heiligen Juliana von Lüttich im Jahr 1209 hin: ein dunkler Fleck im Mond gab ihr ein, dass ein Festtag zu Ehren des Altarsakramentes im Kirchlichen Jahreskreis fehle. Klingt für uns moderne Menschen ziemlich schräg, oder? Und bereits Luther lehnte es als das „allerschädlichste Jahresfest“ rundweg ab.

Bei einer Umfrage in der Fußgängerzone wussten die meisten Befragten nicht, was an „Fronleichnam“ gefeiert wird und warum.

Weiß das nur noch der „inner circle“ der Katholiken? Schon zum 2. Mal in Coronazeiten kann es keine Prozessionen in den Straßen geben. Aber vielleicht ein paar Blumenteppiche? Die Tradition der Blütenteppiche oder auch Szenen aus Jesu Leben mit farbigen Spänen, Früchten und Samen gelegt, ist ja bis heute eine Attraktion, die auch Nichtkatholiken an Fronleichnam auf die Straßen zieht. Doch, warum das alles? Geht es um dieses kleine Stückchen Brot, diese runde weiße Hostienscheibe, die im prachtvollen goldenen Gefäß unter einem „Himmel“ durch die Straßen getragen wird? Wollen wir Jesus „das Brot des Lebens“, für alle zur Schau stellen? Allen Menschen zeigen, dass dieses kleine Stückchen Brot, das uns erinnert an das Letzte Abendmahl, dass dieses Stückchen Brot „Leben für alle“ ist? Dass wir, wenn wir Jesus, „das Brot des Lebens“, in bunter Prozession, mit Musik und Gesang durch die Straßen tragen, auch einen Auftrag haben: Brot für die Welt zu sein; zu geben, zu helfen, zu teilen. „Brot, das die Hoffnung nährt, Freude, die der Trauer wehrt…Brot, das sich selbst verteilt, Hilfe, die zu Hilfe eilt…“, wie es der Dichterpfarrer Wilhelm Willms beschreibt.

Fronleichnam, ein zusätzlicher Feiertag für die meisten; eine schöne, bunte Tradition im Frühsommer für manche; aber für viele von uns heute auch eine gläubige „Demonstration“, ein Versprechen: Jesus, als Brot des Lebens, unter uns, mit uns - Geschenk und Gabe für alle, die hungern an Leib und Seele.       

Sabina Brandenstein
Pastoralreferentin und Klinikseelsorgerin, Kirchheim-Nürtingen