Beginn der Passionszeit: Invokavit (Johannesevangelium 13, 21-30)

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Jesus und seine Freunde sind am späten Abend noch zusammen und essen – wie so oft. Erst im Nachhinein wird sich herausstellen, dass es die letzte gemeinsame Mahlzeit war. Vorerst ist es eine Mahlzeit wie so viele in den vergangenen Jahren. Alltag. Jeder ist satt, man ist noch eine Weile beieinander, bis es Zeit sein wird, schlafen zu gehen, die Stimmung ist entspannt. Einer der Freunde lehnt sich an den geliebten, bewunderten Meister. Mitten hinein in diese Stimmung sagt Jesus: „Einer von euch wird mich verraten.“ Eine Feststellung. Ein ruhiger Donnerschlag. Wem von den Freunden ist ein Verrat zuzutrauen? Wer würde für sich die Hand ins Feuer legen?

Judas nimmt das Stück Brot, das Jesus ihm reicht. Ein Zeichen. Hat Jesus ihm den Anstoß gegeben, die Möglichkeit des Verrats jetzt zur Tat werden zu lassen? Judas geht hinaus, weg von Jesus, weg von den verstummten Freunden. „Und es war Nacht.“ Drinnen ist der erleuchtete Raum der Freunde. Draußen ist die Nacht, in die Judas abgetaucht ist. Was wird kommen? Die Unsicherheit drohenden Unheils umlagert mit einem Mal die vertraute Runde der Hausgemeinschaft, man kann nichts genau ins Auge fassen, kein Ende ist absehbar.

Jesus und seine Freunde erlebten einen Abend der Entspannung mit einem verunsichernden Ende. Eine Zwischenzeit zwischen den erfüllten Tagen des Unterwegs-Seins und der unbestimmten Zukunft – wie die Zukunft eben immer ist: unbestimmt und offen. Sie steckten mitten drin in einer Geschichte, die sich entwickelt. Auch wir heute leben in einer Zeit der Unsicherheit und der unbestimmten, nicht voraussagbaren Zukunft. Wir erleben Unheil und schwanken zwischen der Befürchtung größeren Unheils und der Hoffnung auf stabilen, guten Alltag.

Jesus nimmt das Brotstück und reicht es Judas. Jesus wird aktiv, und die Geschichte schreitet weiter voran. Wie wir in der Rückschau wissen, gingen sie auf größeres Unheil zu, Schmerz und Tod, Verwirrung, Angst und Zerstreuung. Ob wir entspannteren Zeiten entgegengehen oder größeren Schwierigkeiten, ist momentan noch nicht abzusehen. Wir stecken noch mittendrin.

Nachdem Jesus und seine Freunde durch all das hindurchgegangen waren, nachdem alles überstanden war, kam etwas Neues. Etwas unfassbar Gutes, alle Vorstellungen sprengend. Ein heilsamer Blitz, Leben neu schaffendes, endgültiges Wort: „Du sollst leben.“ Das ist seitdem der Hintergrund, auf dem sich auch alle unsere Unsicherheiten und alle kleineren und großen persönlichen und gesellschaftlichen Katastrophen abspielen. Unsere Geschichte entwickelt sich vordergründig in der Dunkelheit, in der wir nach Lösungen und Antworten und Sicherheiten tasten. Wir sitzen im Schein unserer Wohnzimmerlampen zusammen – allein – oder mit den paar Menschen, die uns vertraut sind, im Guten wie im weniger Guten. Die Zukunft, die weiter weg ist als vierzehn Tage, liegt im Ungewissen. Dieser Lockdown ist ein Korsett. Um dieses Korsett herum aber ist etwas zu ahnen – nicht immer, nicht abrufbar, nicht verfügbar, aber manchmal öffnet sich unversehens ein Raum – unabsehbar, weit. Ein Raum, in dem dieses Wort weiterklingt: Du sollst leben. Da ist ein unendliches Wohlwollen in diesem Raum, eine Güte, an die wir uns anlehnen können. Und diese Güte heißt mit den Worten Gottes: Ich bin da. Mehr haben wir nicht in der Hand. Aber auch nicht weniger.


Pfarrerin Ulrike Schaich, Altdorf