Kirche und Macht

privat


Jesus am Kreuz: ein Bild der Ohnmacht. Und ein Bild für göttliche Kraft, die alles überwindet: deshalb stellen wir Kreuze auf unsere Gräber.
Es ist die Kraft der Liebe, mit der Gott alles überwindet. Und weil Liebe auf jegliche Gewalt verzichtet, scheint sie oft ohnmächtig. In Wahrheit wohnt ihr eine ganz eigene Kraft inne.
In jeder Kirche hängt ein Kreuz. Ich frage mich, wie das zusammenpasst mit dem, wie auch in der Kirche oft mit Macht umgegangen wird und wie auch die Kirche oft nach Macht strebt: nach Macht über Menschen und darüber, wie sie vorgeblich zu denken und zu sein haben.
Wo auf Menschen Einfluss genommen wird, ist entscheidend, dass dies nicht im Geist der Manipulation geschieht, sondern im Geist der Freiheit. „Prüft aber alles und das Gute behaltet!“, schreibt der Apostel Paulus in einem seiner Briefe einer christlichen Gemeinde ins Stammbuch. Ich verstehe das so: Man muss fein säuberlich unterscheiden zwischen der Macht der Gewalt und der Kraft der Liebe. Gewalt kommt nicht selten auf leisen Sohlen daher. Sie beginnt nicht erst dort, wo die körperliche Integrität eines Menschen verletzt wird. Sie geschieht häufig dort, wo Menschen eingeredet werden soll, dass sie nicht selbst Verantwortung für ihr Leben übernehmen könnten.
Gewalt erkennt man daran, dass sie einen Menschen unfrei macht. Liebe erkennt man daran, dass sie einen Menschen in die innere Freiheit und zum aufrechten Gang führt. Gewalt benutzt den anderen zugunsten eigener Interessen. Liebe fragt nach dem, was der andere braucht. Sehen wir auf Jesus am Kreuz, so sehen wir, dass es ihm nicht um sich selbst ging, sondern um uns. Wir sehen den Weg, den Gott in seiner Liebe geht: Gott übt keinen Zwang aus, er überwindet in Liebe. Seine Ohnmacht ist Zeichen der Kraft seiner Liebe.

Hans-Peter Moser, evang. Pfarrer, Wendlingen am Neckar