Eselsgeduld gesucht

privat



Anlässlich eines Geburtstags gab es in der Familie einmal ein besonderes Geschenk: Eine Eselwanderung. Wir trafen uns alle auf einem Hof im Allgäu und standen vor dem Gehege, in dem einige Esel entspannt grasten. Während die Leiterin uns allerhand über die Tiere erzählte und Tipps zum Führen gab, durften wir sie füttern und uns – zum Teil im wahrsten Sinne des Wortes – erst einmal beschnuppern. Dann ging es los. Jede und jeder mit einem Esel an der Seite, die Hand am Seil, das Seil am Halfter. Schnell wurde klar: Ein Spaziergang würde das nicht so einfach werden. Immer wieder nahmen die Tiere Reißaus und man musste sehen, wie man sie wieder einfing. Oder sie blieben stur stehen, schnupperten am Gras und waren nur schwer zu überreden, weiterzugehen. Einige Fragen kamen uns im Laufe des Tages, über die wir uns nach der Wanderung bei einem erfrischenden Getränk im Hofstübchen unterhielten: Wie reagiere ich, wenn etwas nicht so läuft wie ich will? Wie gehe ich mit meinem Gegenüber um? Nehme ich mir die Zeit, um zu sehen, was hinter dem Verhalten des Anderen steckt? Wie ist es um meine Geduld bestellt?

In den letzten Wochen und Monaten haben mich genau diese Fragen wieder beschäftigt. Die Pandemie fordert von uns allen eine Eselsgeduld. Die aufzubringen fällt nicht immer leicht – im Gegenteil: Wir tun uns immer schwerer damit, auch wenn nach wie vor Solidarität miteinander und Durchhalten gefragt sind. Ich habe gemerkt, wie weit meine Geduld reicht und wann sie zu Ende ist. Die Menschen um mich herum habe ich erlebt und festgestellt: Die Geduld des Einzelnen reicht unterschiedlich weit. Damit umgehen zu können, musste ich in letzter Zeit lernen.

Morgen wird Palmsonntag gefeiert. Jesus zieht in Jerusalem ein, die Menschen jubeln ihm zu und feiern seine Ankunft wie die eines Königs. Für seinen Einzug wählt er nicht das stattliche Schlachtross, sondern den scheinbar einfachen Esel. Diese Wahl wird in der Forschung unterschiedlich interpretiert. Die einen merken an, dass der Esel im Alten Testament das Tier der Könige war und Jesus damit gezeigt hat: Hier kommt der lang ersehnte Messias in seine Stadt. Andere betonen, dass die Wahl ein Zeichen der Demut sein soll und Jesus zeigt, dass er eine ganz andere Art König ist als erwartet. Mir persönlich gefällt an der zweiten Sichtweise der Gedanke, dass Jesus auf dem Esel den Menschen nahe ist. Den Menschen, für die er auch immer wieder eine Eselsgeduld brauchte. Seine Freunde, mit denen er unterwegs war. Fremde Leute, die ihn aufsuchten. Große und Kleine, die ihn mochten, genauso wie die, die durch ihn verunsichert waren und die mit ihm stritten. Dass auch Jesu Geduld manchmal ein Ende hat, zeigt sich wenig später im Jerusalemer Tempel, wo er aus der Haut fährt und auf den Tisch haut. Das finde ich sehr sympathisch und menschlich, wenn sogar er sich die Frage stellen muss: Wie ist es um meine Geduld bestellt?

Stefanie Walter, Dekanatsjugendseelsorgerin Esslingen-Nürtingen