Geistliches Wort - Pfarrer Marcus Bogner, Frickenhausen

©Bogner

Als wir auf dem Campingplatz an der Ostsee ankommen, hätten wir es fast übersehen. Direkt vor unserem Stellplatz  hat ein Möwenpaar sein Nest gebaut. Angelehnt an eine Dole brüten beide drei olivgrüne Eier aus. Wir fragen uns, warum sie das ausgerechnet inmitten des Campingplatzes machen. Dann wird klar: Als sie vor drei Wochen zu brüten begonnen haben, war hier noch geschlossen. Niemand hat sie beim Nestbau  gestört. Aber jetzt ist hier wieder Betriebsamkeit.

Also versuchen wir uns zu arrangieren. Wir gehen möglichst weit am Nest vorbei, um nicht zu nah an die Möwen heranzukommen. Denn dann fliegen sie weg, und die Eier liegen frei im kühlen Seewind. Mit der Zeit stellen wir uns aufeinander ein. Die Möwen bleiben erstaunlich lange sitzen, wenn wir ruhig an ihnen vorbeigehen. Manchmal begegnen sich unsere Blicke. Sie wirken angespannt, als wollten sie gleich losfliegen. Aber es passiert immer häufiger, dass sie auf den Eiern sitzen bleiben.

Beim Nachdenken über dieses Erlebnis wird mir bewußt, wie sehr wir Menschen in die Natur eindringen. Das ist nicht nur auf dem an ein Naturschutzgebiet angrenzenden Campingplatz so, sondern in ganz vielen Bereichen: Unsere Mobilität, unser Wohnen, unser modernes Wirtschaften greifen in die Natur ein und beeinflussen sie, oft genug zum Negativen. Wir sind Störenfriede in einem natürlichen System, das sehr lange gut ohne den Menschen auskam. Doch jetzt sind wir da. Und dass das so ist, dass wir in die Natur eingreifen sollen, das ist nicht nur zwangsläufig so. Das legt uns auch die Bibel nahe: Im Schöpfungsbericht heisst es, wir sollen die Erde in Besitz nehmen. Lange genug hat man das als Freibrief für das hemmungslose Ausbeuten der Natur verstanden. Doch der Schöpfungsbericht meint etwas ganz anderes: einen verantwortungsvollen und achtsamen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen. Das eröffnet uns Möglichkeiten, in die Natur einzugreifen und sie zu gestalten. Aber es verpflichtet uns zugleich dazu, die Folgen unseres Tuns genau abzuwägen.

Als wir wieder abreisen, sitzen die Möwen immer noch auf ihrem Nest. Unsere Befürchtung, sie würden es aufgeben, war unbegründet. Wie fürsorglich sie sich um ihren Nachwuchs kümmern, beeindruckt uns. Und dass man durch Achtsamkeit und Rücksicht vielleicht auch an anderen Stellen zu einem bewußten Umgang mit der Schöpfung und miteinander beitragen kann.