Eines Tages kommt ein völlig erschöpfter Vater zum Rabbi: „Ach, was soll ich nur machen? Ich habe eine kleine Hütte, sie hat nur einen Raum und ich habe sechs Kinder. Es ist so eng!“ Der Rabbi fragt: „Hast du Hühner, hast du auch eine Ziege?“ „Ja“, antwortet der Mann. „Nimm die Tiere mit in deine Hütte und komm in drei Tagen wieder.“ Nach drei Tagen kommt der Mann und stöhnt: „Ich halte es nicht mehr aus! Man kann sich nicht bewegen! Und wie die Ziege stinkt!“ „Gut“, sagt der Rabbi, „schmeiß die Tiere raus und komm morgen wieder.“ Am nächsten Tag fragt ihn der Rabbi: „Und, wie fühlst du dich jetzt in deinem Haus?“ „Großartig“, strahlte er, „so viel Platz – wie in einem Palast!“
(Text überliefert, Autor unbekannt)

Es müssen keine sechs Kinder sein, damit es dieser Tage eng wird in unseren Wohnungen. Lagerkoller! Die Decke droht auch denen auf den Kopf zu fallen,
die ihr Zuhause für sich alleine haben. Es dürften in den meisten Fällen
nicht die Hühner und Ziegen sein, die die Situation unerträglich machen.
Es sind die vielen Kleinigkeiten, die auf einmal zwischen uns stehen
und den Platz wegnehmen: nervige Angewohnheiten; Routinen, die
sich kreuzen; ein alter Streit neu aufgewärmt. Wenn die Ablenkung des
Alltags plötzlich wegbricht, rücken wir in den Mittelpunkt. Wir denken über
unsere Beziehungen und uns selbst nach. Dabei stolpern wir über Fehler
und Unzulänglichkeiten – sehr schnell über die von den anderen, aber wenn wir
ehrlich sind, ganz besonders auch über unsere eigenen. Der zum geflügelten Wort
gewordene Balken im Auge (vgl. Matthäus 7,1-5).

„Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ (Jeremia 31,3) So spricht Gott seinem Volk zu.

Gott liebt dich und vergibt dir! Gottes freisprechendes Wort gilt.
Seien darum auch Sie gnädig mit sich selbst und Ihren Liebsten. Werfen Sie alle Hühner und Ziegen aus ihrer Wohnung!

Ich verstehe dich.
Restlos.
Ich vergebe dir.
Restlos.
Die Sache ist in Ordnung.

(Rudolf Bösinger)

Jan Schreder, Vikar in Reudern