Unterwegs nach Hause zu Gott

Gospeloratorium in der Wendlinger Eusebiuskirche – „Going home“ erzählt die Geschichte jedes einzelnen Menschen

Zusammen knapp 100 Mitwirkende, unter ihnen Musical-Darsteller David Whitley, zauberten eine mitreißende Gospel-Atmosphäre. Foto: Lothar Fritz

25.02.2019

So etwas hat die Wendlinger Eusebiuskirche in ihrer jahrhundertelangen Geschichte noch nie erlebt. Sie ist am Wochenende bei der fantastischen Aufführung des symphonischen Gospeloratoriums „Going home“ zweimal voll besetzt gewesen.


WENDLINGEN (pm). Zwei Chöre, Orchester, Band und Solisten, zusammen knapp 100 Mitwirkende, zauberten eine mitreißende Gospel-Atmosphäre in das Gotteshaus, wie man sie sonst von afroamerikanischen Gemeinden in Harlem kennt.

Die authentischen Solisten Dennis LeGree und David Whitley verstärkten mit ihren einzigartigen Stimmen diesen Eindruck. Insgesamt 600 begeisterte Zuhörer erlebten das wunderbare Werk des norddeutschen Kirchenmusikers Ralf Grössler. In einer Musiksprache zwischen Gospel, Jazz und klassischer Kirchenmusik wurde nach biblischen Texten der Weg des Volkes Israel von Ägypten ins Gelobte Land erzählt. „Going home“ mit seiner hoffnungsvollen Botschaft beschreibt gleichzeitig die Geschichte jedes einzelnen Menschen von heute: unterwegs nach Hause zu Gott.

Der mitreißende Dirigent Urs Bicheler hielt den riesigen Klangkörper nicht nur dicht zusammen, sondern führte ihn auch zu einer staunenswerten Gesamtleistung. Nach dem packenden Finale mit Engels-Chören („Dies ist der Tag, den der Herr gemacht“) gab’s minutenlang tosenden Applaus und Standing Ovations.

Düstere Stimmung verbreitete die Ouvertüre über den Choral „Aus tiefer Not“. Dumpfe Galeerenpauken erinnerten an das Sklavenjoch der Israeliten unter dem Pharao. Da erweckt Moses Hoffnung auf Befreiung. Die volle, tiefe Stimme des Solisten Dennis LeGree verkündete überzeugend: „Neues Leben beginnt, von der Dunkelheit ins Licht, von der Nacht ins Leben!“ Der Chor übernahm die Botschaft: „Wacht auf, ihr Kinder Israels!“.

Die große Sängerschar aus Wendlinger Kantorei, Jugendkantorei und dem Gospelprojektchor agierte als dichter, homogener Klangkörper. Realistisch interpretierten die Sänger die Szenen der Versuchung, auf der harten Wüstenwanderung vom Glauben an den wahren Gott abzufallen. „Was sollen wir essen, was sollen wir trinken?“, konfrontierten sie eindringlich Moses mit ihrer Not des bitteren Wassers und des krassen Nahrungsmangels. „Erschrick nicht und fürchte dich nicht“, beruhigte Josua, gesungen von David Whitley, das Volk.

Zwei Solisten als Glücksfall für die Aufführung

Beide waren ein Glücksfall für die Wendlinger Aufführung, brachten sie doch außer ihren exzellenten Stimmen die reiche Erfahrung aus der internationalen Musicalszene mit. Ihr kehliges Englisch stand in reizvollem Kontrast zum Deutsch, das von den Chören erklang, wenn es um Textzitate aus Chorälen des 16. und 17. Jahrhunderts ging wie „Wachet auf, ruft uns die Stimme“.

Deutsch gesungen wurden auch die Exkursionen ins Neue Testament, wenn es um Passionstexte aus Jesu Leiden ging wie „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, ungeheuer eindringlich von den Chören interpretiert. Schwungvoll kamen die tänzerischen und rhythmisch akzentuierten Stücke, von deren Wechsel mit den langen Leidenspassagen das kongeniale Werk seinen Reiz bezog.

Diese faszinierenden, mitreißenden Stücke waren die Stärke des Orchesters Camerata Grinio unter Konzertmeister Joachim Ulbrich. Überwältigender Bigband-Sound kontrastierte mit funkelnden Juwelen kammermusikalischer Art. Da tat sich der brillante Saxofonist aus der dynamischen und homogenen Blechbläserschar hervor. Den intimen Stellen verliehen die Holzbläser und die Streicher Glanz und Wärme. Für zauberhafte Effekte sorgten das Vibraphon und das E-Piano sowie der Bass und die Percussionisten für das rhythmische Gefüge.

Nach dem Schlussakkord „Going home“ kannten die Superlative bei den Zuhörern keine Grenzen. Sie waren tief ergriffen von dem musikalischen Hörgenuss und sparten nicht mit Lob. „Einfach toll!“ – Begeisternd!“ – „Sensationell!“ Eine ältere Dame schwärmte: „Dass in Wendlingen so etwas geboten wird, grenzt fast schon an ein Wunder. Die Stadt kann gottfroh sein, mit Urs Bicheler so einen hervorragenden Kantor zu haben. “