Als Gastpfarrer in Siebenbürgen

Gunther Seibold, Pfarrer in Neuffen, über vier eindrückliche Wochen in Rumänien

Geistliche bei der ökumenischen Gebetswoche

23.02.2019

Am 7. Januar bin ich unterwegs nach Osteuropa. Mit der Bahn fahre ich bis Budapest. Von dort geht es weiter mit einem kleinen Leihwagen. Warum bin ich aufgebrochen? Ich durfte als Pfarrer in Neuffen Vikar Schneider ausbilden. Bevor er eine eigene Pfarrstelle in einer neuen Gemeinde antritt, soll er in der vertrauten Gemeinde eine Zeit lang selbstständig arbeiten. Dazu gewährt die Landeskirche dem Ausbildungspfarrer eine Auszeit. Sie soll der Horizonterweiterung dienen und neue Impulse für die kirchliche Arbeit ermöglichen.

Meine Gründe für Siebenbürgen sind: Die Gelegenheit, im Kontrast zu Neuffen arme und klein gewordene Kirchengemeinden und ihren Glauben zu erleben. Und: Ich kann dort helfen, denn Pfarrer fehlen. Ich kann helfen, obwohl es Ausland ist, denn die Sprache der „Evangelisch-lutherischen Kirche in Rumänien“ ist Deutsch. Motiviert haben mich auch Menschen, die hier an der Haustür klingeln und mir rumänische Pässe zeigen und um Geld betteln. Ich will sehen, wie ihnen im Land geholfen werden könnte und darf auch eine ordentliche Spendensumme der Kirchengemeinde Neuffen mitnehmen und an Hilfseinrichtungen weitergeben. Schließlich: Ich werde Orte sehen, wo Menschen gelebt haben, die heute als Siebenbürger Sachsen in unserer Gegend leben.

Eine Suppe ist praktisch und lässt sich beliebig verlängern
9. Januar: Ankunft in Siebenbürgen. Ich werde in Broos erwartet von Vikar Nick Fernolendt. Für die Kirchengemeinde benutze ich den deutschen Namen Broos, für die Stadtgemeinde den rumänischen Namen Orastie. Die Kirchengemeinde hat seit ein paar Jahren keinen Pfarrer mehr, aber jetzt einen Vikar. Sein Ausbildungspfarrer ist 25 Kilometer entfernt in Mühlbach. Die nächste Großstadt ist Hermannstadt, noch einmal 75 Kilometer weiter. Gemeinsam sind wir eingeladen zum Begrüßungsabendessen bei der Vorsitzenden des Kirchengemeinderats. Sie führt den Titel Kuratorin und heißt Carmen Bianu. Sie ist Chemielehrerin im Ruhestand und eine tüchtige Leiterin der Kirchengemeinde. Es gibt wie öfter eine Suppe mit allerlei Einlagen samt Fleisch. So eine Suppe ist praktisch und lässt sich gleich für ein paar Tage verlängern.

10. bis 12. Januar: Stadterkundung. Neben Besprechungen und Präsenzzeit im Pfarrhaus nutze ich Zeiten zur Erkundung der Stadt. Es liegt frischer Schnee, der in der Zeit meines Aufenthalts nur zum Teil wieder gehen wird. Der Schnee verbirgt einerseits, was dreckig und löchrig ist. Auf den nicht geräumten Straßen denke ich an Winterurlaub und genieße das. Andererseits warte ich etliche Tage auf den ersten Sonnenstrahl und insgesamt werden es nur wenige sonnige Stunden werden. Tristesse passt zur Situation der Stadt. Während es anderswo boomt, ist Orastie ein nachträgliches Opfer des Kommunismus geworden: Die künstlich geschaffene Industrie hat nicht überlebt. Die früher größte Fabrik steht als Ruine mitten in der Stadt direkt neben der Kirchenburg. Im Stadtkern gibt es kein modernes Haus, alles harrt noch der Besserung der Verhältnisse. Die ersten Neubauten, auf die ich treffe, sind Lebensmittelmärkte deutscher Ketten wie Lidl und Penny. Die orthodoxe Kirche baut langsam an einer neuen Kirche. Es gibt 15 000 Einwohner und kaum einen neuen Betrieb, auch keine neuen Bildungseinrichtungen oder Behörden. Wer hier wohnt, lebt ohne große Hoffnungen und ist nicht fröhlich. Anderswo im Land werde ich es dann noch anders antreffen.

13. Januar: Der erste Sonntag. Gemeinsam mit dem Vikar wirke ich im Gottesdienst mit. Im Winter feiert man im Gemeinderaum. Es kommen etwa 15 Gemeindeglieder. Auf der Gemeindeliste stehen noch 120 Namen. Bis 1990 waren es noch 1000 mehr – so ist es typisch in den siebenbürgischen Gemeinden. Geblieben sind nur Alte und solche, deren Ehepartner Rumänen sind. Ein paar solche Ehepartner kommen verwitwet immer noch zum Gottesdienst, obwohl sie kein Deutsch sprechen. Die Organistin und der Hausmeister werden bezahlt und sprechen nur Rumänisch. Der Gottesdienst ist jedoch in deutscher Sprache, genau nach den Vorlagen im Ringbuch mit den hektografierten Blättern aus der vordigitalen Zeit. Vikar Fernolendt hat eine große Begabung und Stimme für den liturgischen Gesang. Ich halte die Predigt zum Übergang in eine neue Zeit, wie ihn der biblische Josua mit dem Volk Israel am Jordan erlebt hat. Wir fahren dann weiter nach Deva, um auch dort mit den acht Gemeindegliedern zu feiern. Die Stimmung ist gut und man freut sich.

14. Januar: Hermannstadt. Heute geht es zum Zentrum der Evangelischen in Rumänien. Mein erster Gang in Hermannstadt führt zum Landeskirchlichen Konsistorium, wo ich mich als Gastpfarrer einfach so dem Bischof vorstellen will. Bischof Guib ist da und nimmt sich Zeit. Ich erfahre einiges über den Gang der Dinge. Für die Kirchenleitung ist der Erhalt und die Vermarktung der Kirchenburgen das Thema mit der größten Außenwirkung. Nach innen ist der Bischof ein Mutmacher, der seine Pfarrer und Gemeinden motiviert. Hermannstadt besitzt eine sehenswerte Altstadt mit vielen Geschäften und ist auch im Winter den Besuch wert. Die evangelische Kirche hat bei der Johanneskirche ein modernes Begegnungscafé und Museum eingerichtet. Dort wird die große Geschichte bewahrt und gesammelt, was aus aufgelösten Gemeinden wesentlich ist. Ich besuche die diakonischen Einrichtungen, für die die evangelische Kirche hier vorbildlich ist, nicht zuletzt dank Spenden aus Deutschland: ein Altenheim, ein Hospiz, ein landesweit einmaliges Kinderhospiz, ein offenes Haus für Straßenkinder.

15. Januar: Besuch im Altenheim. In Orastie gibt es dank Partnerschaft mit einem ASB-Verein in Deutschland ein recht modernes Altenheim. Auch hier hat wie an vielen Stellen im Land die EU den Großteil der Investitionskosten dazu gegeben. Dank einer auch in der lutherischen Gemeinde engagierten Leiterin läuft das alles. Wir besuchen die drei evangelischen Bewohner. Einer ist aus Heilbronn wiedergekommen. So manches ist im Heim wie daheim im Ländle.

16. bis 18. Januar: Rundfahrt. Ich habe im Kalender Luft für eine Siebenbürgen-Rundfahrt. Sie führt mich über Mediasch, Birthälm und Schäßburg nach Kronstadt und von dort über Fogarasch zurück nach Broos. Mein Ziel sind neben anderen touristischen Zielen vor allem die lutherischen Kirchen. Sie sind überwiegend zu Kirchenburgen ausgebaut mit Mauern, Türmen, Vorrats- und Übernachtungskammern für den Ernstfall, dass das Dorf ausgeraubt wird. Dann zogen sich die Siebenbürger Sachsen in die Kirchenburg zurück und überlebten mit dem Nötigsten. Es hat sich bewährt, denn die Kirchenburgen stehen bis heute und sind zu einem Teil Weltkulturerbe geworden. Viel zu viel habe ich gesehen für diesen Bericht. Am schönsten für den Besuch fand ich die Kirchenburg in Honigberg mit allerlei Ausstellungen. Eine Nacht bin ich in Rosenau bei Kronstadt, wo die internationale christliche Jugendorganisation „Fackelträger“ ein Gelände betreibt, das von Ehepaar Beck aus Lonsingen beziehungsweise Dettingen/Erms aufgebaut und geleitet wird. Es ist ein beeindruckendes Angebot für junge rumänische und internationale Gäste, Erlebnisprogramme und christliche Gemeinschaft zu erleben.

Taufe, Hochzeit und Bestattung sind im ganzen Land wichtige Ereignisse

19. Januar: Tauffest. Es gibt eine Taufe in der Gemeinde! Freilich, während die Großeltern noch Teil der Gottesdienstgemeinde sind, sind die Eltern junge Rumänen, die kein Deutsch sprechen. Ob das getaufte Kind jemals wieder in die Gemeinde kommt, bleibt offen. Aber Taufe, Hochzeit und Bestattung sind im ganzen Land wichtige Ereignisse, die ganz traditionell wertgeschätzt werden. Wir sind eingeladen zur Party hinterher, die einem Fest im Restaurant bei uns in Deutschland in nichts nachsteht.

20. Januar: Gottesdienst in Mühlbach (Sebes). Diese Stadt profitiert seit fünf Jahren von einer neuen Getriebefabrik von Mercedes-Benz. Mehr als 1000 Mitarbeiter bedeuten Wirtschaftswachstum. Auch die Frau des Pfarrers arbeitet dort. Die anderen in der Kirchengemeinde sind jedoch alle mehr oder weniger im Ruhestand. Deutsche Mitarbeiter bei Mercedes-Benz wohnen lieber in Hermannstadt.

21. Januar: Ausflug nach Klausenburg. Die Universitätsstadt wird geprägt von Studierenden und dem Format einer ehemaligen K.-u.-k.-Hauptstadt von Siebenbürgen. Evangelisch-lutherische Sachsen waren dort jedoch nicht ansässig. Auf dem Rückweg beeindruckt das historisch-mondäne Alba Iulia.

22. Januar: Doktorarbeit zur Sprachenfrage. Dr. Gerhild Rudolf war früher Pfarrfrau in der Kirchengemeinde in Broos. Jetzt leitet die Philologin das landeskirchliche Museum. Alte Freundschaft sorgt dafür, dass ich mit Kuratorin Carmen Bianu bei der Verteidigung ihrer Promotion an der Universität Hermannstadt teilnehme. Gerhild Rudolf hat alle 32 Pfarrer und die beiden Pfarrerinnen der Kirche befragt danach, welche Rolle in ihrer Arbeit neben Deutsch das Rumänische spielt. Heraus kam noch wenig. Dabei ist deutlich, dass immer weniger Menschen auch in den Gemeinden Deutsch sprechen. Meine Gedanken dazu sind: Würde die lutherische Kirche auf ihren Martin Luther hören, dann würde sie mehr dem Volk aufs Maul schauen. Wenn die wertvolle Botschaft junge Menschen erreichen soll, geht das nur mit rumänischer Verkündigung. Eine Kirche, bei der nicht junge Leute selbst zu glauben lernen, geht aus. Ich kaufe als Konsequenz ein rumänisches Neues Testament für alle Fälle.

23. bis 25. Januar: Ökumenische Gebetswoche. Der geistliche Höhepunkt meines Aufenthalts ist die Gebetswoche, bei der in Rumänien alle großen Konfessionen beteiligt sind. In Broos sind es vier Konfessionen: griechisch-katholische, römisch-katholische, ungarisch-reformierte und deutsch-lutherische Kirche. Die Gebetsabende folgen einer dreisprachigen Liturgie. Ich bin einer unter sechs oder mehr Geistlichen, die mit der Gemeinde feiern. Danach sitzt man noch zusammen und stößt mit Schnaps, Gebäck und anderen Getränken an. Die Stimmung ist gut und man freut sich daran, gemeinsam zu lachen. Der Ausklang des letzten Gebetsabends findet in meinem Wohnzimmer statt.

26. Januar: Typisch Pfarrersamstag. Für morgen bereite ich Liturgie und Predigt vor. Ich werde einen Gottesdienst allein halten und zwei gemeinsam mit dem Vikar. Um sonntäglich frisch zu sein besuche ich am Abend das AquaPark – tatsächlich dank eines Investors ein modernes Erlebnisbad vor der Stadt.

27. Januar: Sonntagsgottesdienste. Wir versorgen vier Gemeinden in Broos, Deva, Rumes und Eisenmarkt, wo wir in der ungarisch-reformierten Kirche sind und ich auch die leidliche Orgel spielen kann. Normalerweise ist kein Organist da. Ich predige drei Mal über das Gespräch Jesu mit einer Samariterin über das Wasser des ewigen Lebens. Sie nahm damals den Glauben fröhlich mit in ihre Welt. Das ist mein Anliegen auch für die freundlichen Menschen in den Gemeinden, dass sie über den Sonntag hinaus Gottes Gnade und Jesu Verheißung in ihrem Alltag erleben.

28. Januar: Abschiedswoche. Wir bereiten verschiedene Dinge vor für die Einladung zum Abschied des Gastpfarrers, die am Mittwoch stattfinden wird.

29. Januar: Erlebnis in den Bergen. Zu Orastie gehört eine Weltkulturerbestätte etwa 40 Kilometer südlich in den Bergen: die Festung der Daker. Um das Jahr null hatte dieses Volk durch die Eisenvorkommen eine Kultur aufbauen können, die dann durch den Römer Trajan beendet wurde. Heute gibt es Ausgrabungen zu sehen. Es war ein Erlebnis, auf verschneiten Straßen in die immer einsamere Gegend zu fahren, zum Ende immer mehr ansteigend. Einen Kilometer vor dem Ziel beschloss mein Auto, mich zu entschleunigen, indem es nach einem Stopp nicht mehr lief. Aber über Telefonate durch halb Europa und mit Hilfe der Bergpolizei gelang es, dass ein Abschleppdienst mich vor Sonnenuntergang herausholte. Ich hatte zwischendurch in fahler Morgensonne die verschneite Stimmung über den Spuren der alten dakischen Tempelanlagen genießen können.

30. Januar: Der Abschiedsnachmittag. Die Einladung an die Gemeinde kommt gut an. Ich zeige den zwanzig Gemeindegliedern Bilder aus Neuffen und Siebenbürgen, und wir singen unter anderem deutsche Volkslieder.

Eine denkwürdige Begegnung in Rothberg

31. Januar: Eine besondere Begegnung. Das Missgeschick mit dem Auto verschafft mir noch einmal einen eindrücklichen Kontakt. In Hermannstadt muss ich mein Auto aus der Werkstatt abholen. Auf dem Rückweg fahre ich bei der Gelegenheit noch in Rothberg vorbei. Ich folgte einer aufgeschnappten Bemerkung, wonach der Pfarrer dort Sonntag für Sonntag Gottesdienst halte vor inzwischen leeren Bänken. Diesen mutmaßlich interessanten Menschen hoffe ich zu treffen. Tatsächlich finde ich nach meinem Gang um die Kirche das Pfarrhaus offen. Eine junge Roma-Frau öffnet die Tür und bittet mich zu warten. Das Amtszimmer beeindruckt mehr als jedes Museum. Ich frage schon mal nach dem Namen des Pfarrers. Er heiße Eginald Schlattner, wird mir beschieden. In einem Schrank sehe ich ein Buch mit diesem Namen darauf. Tatsächlich stellt sich der alte weißhaarige Kollege als Schriftsteller vor, dessen Werke vielfach übersetzt und auch verfilmt worden sind. Aber seine vorrangige Existenz sei Pfarrer zu sein. Daher komme immer zuerst der Gottesdienst. Wir beten zusammen auf der Höhe des Tages. Das wurde bedeutsam über all die vielen Erlebnisse sonst hinaus, die dieser weise Mann zu erzählen hatte. Wieder daheim sollte mir als erstes im Deutschen Pfarrerblatt ein Artikel aus der Feder Schlattners begegnen.

1. bis 2. Februar: Heimreise. Auf der Fahrt zurück bin ich dankbar und erfüllt von vielfältigen Erfahrungen auf unterschiedlichen Ebenen. Ich habe anspruchslos gelebt und bin reich beschenkt. Gott hat mich behütet. Dass er die segnet, die mir weit weg lieb geworden sind, hoffe ich von Herzen. Es sind Kontakte entstanden, die nicht einfach vorbei sein werden.

Weitere Informationen:
Evangelische Kirche A.B. in Rumänien: www.evang.ro
Kirchenburgen: www.kirchenburgen.org
Ticket für alle Burgen: www.transilvania-card.ro
Bilderseite von Gunther Seibold: www.kirchbau.de/siebenbuergen

Kirchenburgen wie diese in Großau wurden ausgebaut mit Mauern, Türmen, Vorrats- und Übernachtungskammern. Fotos: privat