Nürtinger Krankenhauspfarrer geht

Wolf Peter Bonnet, Seelsorger an den Mediuskliniken Nürtingen und Kirchheim, verabschiedet sich in den Ruhestand

Am Sonntag ist im Andachtsraum der Mediusklinik der Abschiedsgottesdienst für Krankenhausseelsorger Wolf Peter Bonnet. Foto: Lieb

06.02.2020 05:30, Von Anneliese Lieb

Sein Arbeitsplatz ist in der Klinik. Doch Wolf Peter Bonnet ist kein Mediziner. Und doch ist die Zeit, die er mit den Kranken verbringt, für manchen Patienten wie Medizin. Bonnet schaut nicht auf die Uhr, wenn er am Krankenbett sitzt. Er gibt Zuspruch oder hört einfach nur zu. „Die Seelsorge hat mich von Kindesbeinen an beschäftigt“, sagt der Krankenhauspfarrer.

NÜRTINGEN. Wenn am Sonntag in der Mediusklinik auf dem Säer zum Gottesdienst eingeladen wird, dann werden die Stühle im Andachtsraum kaum ausreichen. Es ist der letzte Gottesdienst von Wolf Peter Bonnet, der sich nach sieben Jahren als Klinikseelsorger in Nürtingen in den Ruhestand verabschiedet. Kommen werden ehemalige Patienten, Angehörige und bestimmt auch Mitarbeiter der Klinik. Menschen, die in schweren Zeiten Zuspruch erfahren haben, denen Wolf Peter Bonnet zugehört und sie in Lebenskrisen als Seelsorger begleitet hat. Er fand tröstende und aufmunternde Worte. Auf der Palliativstation war er besonders gefordert.

Bonnet begleitete auch Patienten in der psychiatrischen Abteilung der Mediusklinik, die vor einigen Jahren von der Stuttgarter Straße in Nürtingen nach Kirchheim umgezogen ist. Gerade in der Psychiatrie kam er mit Menschen in Kontakt, „die man als Geistlicher sonst nicht erreicht hätte“. Die Gespräche waren von Vertrauen geprägt. Sehr oft ist er auch nach seiner Verschwiegenheitspflicht gefragt worden.

In Gellmersbach, heute ein Stadtteil von Weinsberg, ist er geboren und in Wildbad im Schwarzwald aufgewachsen. Sein Vater war Pfarrer und die Begegnungen im evangelischen Pfarrhaus prägten auch Kindheit und Jugend des heutigen Krankenhausseelsorgers. Mit 19 Jahren, er hatte gerade das Abitur in der Tasche und sein Theologiestudium in Tübingen begonnen, erschütterte die Diagnose Krebs sein Leben. In der Kiefer- und Gesichtschirurgie an der Uniklinik in Tübingen wurde ihm ein Tumor entfernt. Die Narben sind heute noch sichtbar. Doch Wolf Peter Bonnet hat nicht aufgegeben. Aus dem Glauben schöpfte er Kraft, um die heimtückische Krankheit zu besiegen. In Tübingen und Zürich studierte er Theologie. Nach dem Examen war seine erste Station als Vikar in Hattenhofen. Das Pfarrvikariat absolvierte er in Reichenbach an der Fils. Danach bewarb er sich für das Sondervikariat Seelsorge. Die praktische Ausbildung führte ihn ins Paracelsus-Krankenhaus Ruit. Anschließend folgten elfeinhalb Jahre als Gemeindepfarrer in Nellingen.

An den Wechsel nach Lindorf und seine erste Predigt nach den Terroranschlägen vom 11. September in New York kann er sich noch sehr gut erinnern. „Das war eine echte Herausforderung!“ In Lindorf war er zu 50 Prozent Gemeindepfarrer und zu 50 Prozent Seelsorger im Krankenhaus Kirchheim.

Als er 2012 erfuhr, dass an der Mediusklinik in Nürtingen ein Krankenhauspfarrer gesucht wird, bewarb sich Wolf Peter Bonnet auf die 100-Prozent-Stelle. Jetzt konnte er sich ganz auf die Seelsorge konzentrieren. Nur für die Menschen da sein, die in schweren Stunden Ängste und Zweifel plagen. Der Doppelstandort mit der Klinik auf dem Säer und der psychiatrischen Abteilung in der Stuttgarter Straße beziehungsweise später in Kirchheim war für ihn eine besondere Herausforderung. Doch gerade die Menschen in der Psychiatrie sind ihm ans Herz gewachsen. „Ohne die Abteilung hätte mir etwas gefehlt“, sagt er rückblickend. Jeden Mittwoch bot er für die Patienten der Psychiatrie einen Abendmahlsgottesdienst an.

Seine eigene Krankheitsgeschichte und seine Kindheit im Pfarrhaus haben ihn geprägt. Leid, Kummer, Verzweiflung – alles Gefühle, die er selbst erlebt hat. Vielleicht sind es gerade diese Erfahrungen, die den Klinikseelsorger so authentisch rüberkommen lassen. Seine Erfahrungen und die positive Wendung in seinem Leben sind für den einen oder anderen Patienten auch ein Zeichen der Hoffnung.

Nach Gesprächen mit Patienten hat er viel Dankbarkeit erfahren

Viel Dankbarkeit hat Wolf Peter Bonnet nach Begegnungen mit Patienten und Angehörigen erfahren. „Ich habe viele gute Gespräche geführt.“ Zuhören und zu hören, was die Patienten bedrückt, war ihm ein besonderes Anliegen. Das Gespräch mit dem Seelsorger und gemeinsame Gebete waren für Patienten befreiend oder ein Kraftquell. Die Menschen zum Gottesdienst einzuladen, die Frohe Botschaft zu verkündigen und zu vermitteln, dass alle geliebte Kinder Gottes sind, war ihm ein weiterer wichtiger Punkt. Wer das Bett nicht verlassen kann, hat im Krankenhaus die Möglichkeit, den Gottesdienst über den TV-Kanal zu verfolgen.

Am Sonntag, 9. Februar, um 9 Uhr ist der letzte Gottesdienst mit Pfarrer Bonnet im Andachtsraum der Klinik auf dem Säer. Einen Nachfolger gibt es noch nicht. Die Stelle ist ausgeschrieben. Dass die Kirche auch an dieser wichtigen Position spart, Kräfte gebündelt werden und sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin sich nur noch zu 50 Prozent der Klinikseelsorge widmen können, bedauert Bonnet. Er hofft, dass der oder die Neue trotz der Doppelbelastung genug Zeit findet, „um dieser wichtigen, schönen, aber auch nicht immer leichten Aufgabe in der Klinik gerecht zu werden“.

Am 1. April beginnt für Wolf Peter Bonnet der Ruhestand. In Owen hat er mit seiner Frau, einer Ärztin, ein neues Zuhause bezogen. Wie er den neuen Lebensabschnitt gestalten will, lässt er offen: „Ich bin in Gedanken noch nicht im Ruhestand.“

Bisher war sein Kalender voll. Warten, was sich ergibt, vielleicht an den Bodensee wandern, dabei seine ganze Aufmerksamkeit dem Menschen Wolf Peter Bonnet widmen, oder zunächst seinem Hobby Schreinern nachgehen – das alles lässt er jetzt ganz entspannt auf sich zukommen.