Verabschiedung von Pfarrer Hirt im Aichtal - Eine Verabschiedung ohne Abschied

Karsten Hirt ist ab September kein Pfarrer mehr, bleibt seiner Kirchengemeinde im Aichtal aber trotzdem erhalten

Karsten Hirt wird auch künftig durch die Tür des Pfarrhauses ein und aus gehen, wenn auch nicht mehr als Pfarrer. Foto: pd

01.08.2020 05:30, Von Peter Dietrich

Im März 2014 kamen Christina und Karsten Hirt als evangelische Pfarrer nach Aichtal-Grötzingen. Das Ehepaar teilte sich die Pfarrstelle, wie es das schon vorher getan hatte. Zum 1. September übernimmt Christina Hirt die Stelle zu 100 Prozent, Karsten Hirt scheidet aus dem württembergischen Pfarrdienst aus. Hat er etwa genug von der Seelsorge? Im Gegenteil, er will mehr davon.

AICHTAL. „Wir sind gerne hier“, sagt Karsten Hirt, im Pfarrbüro im Erdgeschoss des 1683 erbauten Grötzinger Pfarrhauses sitzend. Er lobt die „zupackende Mitmachmentalität“ der Kirchengemeinde, der ein „Herr und Frau Pfarrer, machen Sie mal“ gänzlich fremd sei. „Das hat gepasst“ sagt er zur eigenen Prägung und derjenigen der Gemeinde und spricht von einem „sehr guten, wohlwollenden Miteinander“. Seine Schwerpunkte waren die Begleitung des örtlichen Jugendwerks und die Begleitung von Geflüchteten. Einen der Geflüchteten hat das Paar, das keine eigenen Kinder hat, vor zweieinhalb Jahren sogar als Pflegesohn angenommen: „Er ist jetzt 19 Jahre alt und macht gerade eine Malerausbildung.“

Genau diese Begleitung von Menschen ist der Grund, dass Karsten Hirt nun wechselt. Schon seit vielen Jahren war er im Nebenjob für den überkonfessionellen Ichthys Verein für Seelsorge, Beratung und Lebenshilfe tätig, der in Eningen unter Achalm eines seiner Häuser betreibt. Der Verein begleitet Menschen in Lebens- und Glaubenskrisen, mit Beziehungs- und Eheproblemen, mit Depressionen und psychosomatischen Störungen. „Ich bin kein Psychotherapeut“, betont Karsten Hirt. Doch er hat in den letzten Jahren eine Zusatzausbildung als Heilpraktiker für Psychotherapie absolviert. „Das wird auch ‚kleiner Heilpraktiker‘ genannt.“

„Ich bin gerne Pfarrer gewesen“, sagt Karsten Hirt. Doch nun will er sich auf die Lebensbegleitung konzentrieren und spezialisieren. Er bleibt trotzdem mit seiner Frau und dem Pflegesohn im Pfarrhaus wohnen und der Kirchengemeinde als ehrenamtlicher Mitarbeiter erhalten. „Das Musikteam leite ich weiter“, verspricht er, und ist gespannt, wie sein Rollenwechsel in der Praxis aussehen wird.

Einen Bezug zum christlichen Glauben bekam Hirt schon als Kind

Wie kam er überhaupt zum Pfarrberuf? Einen Bezug zum christlichen Glauben bekam er schon als Kind – durch seine Mutter, sein Vater war früh verstorben. Die Kindheit verbrachte er in Ammerbuch-Entringen, es folgte ein Umzug nach Hessigheim. „Dort gab es eine sehr lebendige Kirchengemeinde, ich war in der Jugendarbeit, habe im Posaunenchor gespielt und im Chor gesungen.“ Als Zivildienstleistender im Lebenszentrum Adelshofen konnte er am theologischen Unterricht teilnehmen und entschloss sich zum Theologiestudium, wohnte in Tübingen im Albrecht-Bengel-Haus. „Mein Vorteil ist, dass ich leicht Sprachen lerne, Latein hatte ich schon an der Schule.“ Drei Semester verbrachte er in Halle an der Saale. Während des Studiums lernte er seine Frau kennen, ein Jahr vor Studienende haben sie geheiratet.

Damals gab es, im Gegensatz zu heute, mehr Absolventen als Pfarrstellen, deshalb gab es vor dem Vikariat mehrere Jahre Wartezeit. Diese Wartezeit nutzte das Paar, um gemeinsam nach Kamerun zu gehen, es erlebte Gemeindearbeit und Religionsunterricht in einem muslimischen Umfeld. „Das war keine verlorene Zeit“, sagt Karsten Hirt. Es folgte das gemeinsame Vikariat in Stuttgart-Weilimdorf, dann war das Ehepaar gemeinsam neun Jahre in Birkenfeld tätig. Die Stellenteilung war für ein Ehepaar anfangs Pflicht, so wurden die damals sehr knappen Pfarrstellen gerechter verteilt.

Für Christina Hirt bedeutet die Aufstockung keine Verdoppelung: Sie hatte bisher zusätzlich zu Aichtal zu 25 Prozent Vertretungsdienste im Kirchenbezirk Nürtingen übernommen, das fällt nun weg. Karsten Hirt wiederum sieht in seinen 50 Prozent beim Verein Ichthys nur einen Anfang, das könne mit der Zeit auch mehr werden. Die Zeit für Hobbys wie Motorradfahren und Wandern mit seiner Frau wird also weiterhin ihre Grenzen haben.

Die Verabschiedung mit Dekan Michael Waldmann ist am Sonntag, 2. August, um 10.45 Uhr im Gottesdienst im Grünen an der Marie-Appt-Hütte in der Lindenstraße; Picknickdecken oder Klappstühle bitte selbst mitbringen. Bei schlechtem Wetter wird um 10 Uhr ein Gottesdienst in der evangelischen Kirche gefeiert, der Abschiedsgottesdienst um 10.45 Uhr ist dann ebenfalls in der Kirche.