Den Blick auf die Ressourcen richten

Die Sozialgerontologin Ulla Reyle referiert im Stephanushaus über den Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen

Sozialgerontologin Ulla Reyle Foto: privat

12.04.2019, Von Anneliese Lieb

Die Sozialgerontologin Ulla Reyle referiert im Stephanushaus über den Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen

Ulla Reyle, Sozialgerontologin und Supervisorin aus Tübingen, ist am Montag, 15. April, zu Gast bei der Nachmittagsakademie des Evangelischen Kirchenbezirks im Stephanushaus. Thema ihres Vortrags: „Der Umgang mit dem Unverständlichen: Demenzkranke Menschen verstehen und begleiten“. Im Interview gibt Ulla Reyle einen kurzen Überblick.
„Der Umgang mit dem Unverständlichen – demenzkranke Menschen verstehen und begleiten“ ist ihr Vortrag in Nürtingen überschrieben. Was versteht man denn wirklich unter einer Demenz?


Demenz ist eine Erkrankung hochaltriger Menschen und betrifft die kognitiven Funktionen.

Wie und von wem wird eine Demenzerkrankung diagnostiziert und welche Probleme sind damit verbunden? Was sind die Symptome?

Die Symptome sind Einbrüche im Bereich des Kurzzeitgedächtnisses sowie Wortfindungsstörungen, Verlust der „inneren Bilder“ und Orientierungsstörungen im räumlichen und zeitlichen Kontext. Eine klare diagnostische Abklärung ist extrem wichtig und kann nur von einem Facharzt vorgenommen werden. Sonst besteht die Gefahr, dass anstelle einer gut behandelbaren Depression eine Demenz diagnostiziert wird. Das passiert leider viel zu häufig!

Welche Ursachen kann eine Demenz haben?

Hinsichtlich der Ursachen befinden wir uns noch in einem Forschungsstadium. Ich persönlich meine, dass wir auch einen psychosomatischen Blick auf die Demenz werfen sollten.

Wie erleben Betroffene den Beginn einer Demenz? Welche Gefühle sind im Spiel?

Betroffene merken als Erste, dass sich etwas verändert und erleben dabei Gefühle der Angst, der Aggression und der Scham. Die erste Zeit einer Demenz ist eine katastrophale Erfahrung, weil Menschen bei vollem Bewusstsein erleben, dass das wegbricht, was ihnen bisher ihre Autonomie gesichert hat.

Gibt es Bewältigungsstrategien, mit dem Unverständlichen umzugehen?

Als erste Bewältigungsstrategie entwickeln viele Menschen eine stabile Fassade und vermeiden Situationen, in denen ihre Defizite für andere sichtbar werden. Aber das hält nur für eine gewisse Zeit und bricht beim Fortschreiten der Erkrankung zusammen.

Vor welche Herausforderungen werden Angehörige gestellt?

Auch für Angehörige ist eine demenzielle Erkrankung eine schlimme Erfahrung, weil sie erleben, dass der ihnen vertraute Mensch fremde, unverständliche Verhaltensweisen entwickelt, denen sie oft hilflos und verständnislos gegenüberstehen. Angehörige benötigen, oft noch mehr als der erkrankte Mensch, eine gute fachliche Begleitung. Und sie müssen vor allem lernen, bisher vertraute Rollen und innere Bilder zu wechseln und eine neue Verantwortung zu übernehmen.

Gibt es Möglichkeiten, sich in die innere Welt der erkrankten Menschen besser einfühlen zu können?

Vielleicht kann man es sich so vorstellen, wie in mehreren Wirklichkeiten zu leben: In der Demenz tauchen Menschen oft in frühere Zeiten und Welten ab und erleben auch ganz stark die Gefühle von damals. „In deutschen Altenheimen tobt der Zweite Weltkrieg“ . . . Und dann ist immer wieder auch die gegenwärtige Realität da, der sie häufig hilflos ausgeliefert sind . . . 

Welche Unterstützungsmöglichkeiten sehen Sie?

In der Gerontologie und den Pflegewissenschaften sprechen wir von einer „warmen Sorge“, mit denen wir die Seele eines erkrankten Menschen begleiten können. Das meint, dass wir uns viel Zeit nehmen sollten, Menschen in der Welt, in der sie sich emotional gerade befinden, liebevoll und achtsam zu begleiten. Hilfreich ist es, sich von früheren Zeiten erzählen zu lassen, denn das „Altgedächtnis“, die kristalline Intelligenz, bleibt lange erhalten. Wir sollten den Blick also nicht vorrangig auf die Defizite, sondern auch auf die Ressourcen richten, denn damit sichern wir Menschen Teilhabe und Würde, auch auf der letzten Wegstrecke.

Die Tübinger Gerontologin Ulla Reyle referiert am Montag, 15. April, ab 15 Uhr im Stephanushaus im Roßdorf, Hans-Möhrle-Straße 3. Nähere Auskünfte bei Diakonin Monika Petsch, Telefon (01 51) 46 16 07 17.