Dietrich Bonhoeffer zum Gedächtnis: Von der Gefahr der Dummheit

AICHTAL, 05.02.2020. „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurücklässt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos.“

So schrieb der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, Mann der Bekennenden Kirche und des Widerstandes gegen Adolf Hitler und das Naziregime. Dieses Zitat stand auch im Mittelpunkt des Gastspieles von „Dein Theater. Wortkino“ am 05. Februar 2020 im Evangelischen Gemeindehaus Grötzingen im Rahmen des „Offenen Abends Aichtal“. Vor gut 80 Zuschauern brachte Schauspielerin Gesine Keller in einer szenischen Lesung Originalzitate und zeitgenössische Stimmen zu Gehör. Sie zeichnete Bonhoeffers Lebensweg nach: Aufgewachsen in einer großbürgerlichen und gebildeten Familie im engeren Kreise um das deutsche Kaiserhaus, schlug Bonhoeffer mit seinem klaren, kritischen und kommunikativen Geist gegen die Erwartungen seiner Familie den Weg ins Theologiestudium und Pfarramt ein. Schnell zeigte sich, dass sein persönlicher christlicher Glaube sich nicht vereinen ließ mit der völkischen Begeisterung vieler Deutscher, darunter auch viele Kirchenleute. Der Fixierung auf Führer, Volk und Rasse hielt Bonhoeffer die Sendung Jesu Christi zu allen Menschen, eben auch den „anderen“, entgegen. So wurde er ein überzeugter Vertreter der Ökumene und suchte nach Frieden zwischen den Völkern. In einer Zeit, in der alles Nichtdeutsche als verdächtig galt, pflegte er eifrig internationale Kontakte. So wurde Bonhoeffer zu einer Symbolfigur für ein anderes, besseres Deutschland – seine Einbindung in die Kreise der Widerstandskämpfer des 20. Juli war folgerichtig. Vor 75 Jahren, am 9. April 1945, wurde Bonhoeffer auf Geheiß Adolf Hitlers hingerichtet. Sein Werk aber ist bis heute eine Inspiration für Christen weltweit, die Glaube und Vernunft zusammendenken wollen und die nach der Rolle der Kirche in der Welt fragen. Bonhoeffers Werk zeichnet eine radikale Zuwendung zum Diesseits, gepaart mit einem unerschütterlichen Gottvertrauen aus. Gesine Keller sprach mit nüchterner Stimme, mitunter fast im Stenogrammstil. Umso eindrücklicher wirkten die Originalzitate, die für sich stehen konnten. An vielen Stellen schienen unausgesprochen direkte Bezüge zu unserer politischen und gesellschaftlichen Gegenwart auf. Nach einem Augenblick fast andächtiger Stille nach der Lesung brandete langanhaltender Applaus auf. Mit einer weiteren Veranstaltung am Mittwoch, 12.02.2020 um 20 Uhr im Evangelischen Gemeindehaus Grötzingen wird der Einblick in Bonhoeffers Leben und Werk vertieft: Julian Zeyher-Quattlender spricht zum Thema: „Beten und das Gerechte Tun. Dietrich Bonhoeffer – damals und heute.“

Ralf Alexander Sedlak,
Geschäftsführender Pfarrer und 2. Vorsitzender
Evangelische Kirchengemeinde Aich-Neuenhaus