Pfarrer Hannes Gaiser verlässt Oberboihingen

Pfarrer Hannes Gaiser verlässt Oberboihingen – Neue Wirkungsstätte: die Göppinger Oberhofenkirche

Bild mit Symbolkraft: Hannes Gaiser beim Verlassen der Bartholomäuskirche Foto: Just

14.01.2020 05:30, Von Sylvia Gierlichs

Dreizehneinhalb Jahre ist Hannes Gaiser schon Pfarrer in Oberboihingen. Nun, mit 59 Jahren, will er noch einmal etwas Neues wagen. Und wechselt noch Ende Januar auf eine Pfarrstelle in Göppingen. Der Abschied aus Oberboihingen fällt ihm jedoch nicht ganz leicht.

OBERBOIHINGEN. „Wow“, dachte Hannes Gaiser, als er vor dreizehneinhalb Jahren aus Mössingen nach Oberboihingen kam. Denn zunächst wohnte er mit seinem Sohn im Hohentwiel. Das ist eine herrschaftliche Residenz. Wobei, alles ist relativ, denn „im Winter musste ich die Butter dort natürlich nicht in den Kühlschrank stellen. Die Küche reichte völlig“, sagt Gaiser schmunzelnd. Doch in solch alten Gemäuern zu wohnen, mitten im Ort, das fand der Pfarrer schon toll. Und da er ein sportlicher Typ ist, der sich gerne mal auf sein Rennrad schwingt, genoss er es auch, dass man in Oberboihingen schnell im Grünen ist.

Hannes Gaiser ist in Wuppertal geboren. Ein waschechter Schwabe ist er dennoch, denn die Eltern kommen aus dem Ländle. Wuppertal war eine vierjährige Zwischenstation, die meiste Zeit verbrachte Gaiser auf den Fildern und in Stuttgart. Sein Vater, Fritz Gaiser, war Jugendreferent im Evangelischen Jugendwerk. „Mein Vater hat aber nicht Theologie studiert und war nie Gemeindepfarrer“, erzählt Hannes Gaiser. Und nein, das Engagement des Vaters war nicht der Grund, warum Gaiser selbst Pfarrer werden wollte. Es war eher die Jugendarbeit an sich, für die er sich als junger Mensch engagierte, die diesen Entschluss begünstigte.

Bis 2012/13 teilte sich Hannes Gaiser in Oberboihingen die Stelle mit Dorothea Gölz-Most. Sie zog dann weiter nach Esslingen, wo sie als Krankenhauspfarrerin arbeitet. Er meisterte die Pfarrstelle von da an alleine. Und nahm sich vor, immer genau hinzuhören. Denn ja, die Kirchengemeinde trauerte Pfarrerin Gölz-Most schon ein wenig hinterher. Und so stellte sich Hannes Gaiser die Frage: Wie geht es weiter? „Eine wohltuende Schlüsselerfahrung war für mich, dass sich Menschen einbringen wollten. In der Seniorenarbeit beispielsweise“, sagt er.

Gaiser wollte kein Pfarrer sein, der sagt: Ich weiß ja schon, was ihr braucht. Ich weiß wie es geht. Er wollte zuhören, „Es wird immer Aufgaben geben, wegen derer Menschen zu einem kommen, aber letztlich ist es wichtig, zu den Menschen zu gehen“, sagt Gaiser.

Und so fragte er sich immer: wie erreiche ich die Menschen? In einem Jugendgottesdienst? Bei einer Hochzeit? Bei einer Konfirmation? Denn für Menschen, die sich einbringen wollen, müsse ja auch ein Umfeld geschaffen werden, in dem sie sich gerne einbringen.

Und das hieß für Gaiser immer, sich gemeinsam mit den Akteuren Gedanken darüber zu machen, welche Bedürfnisse die Menschen vor Ort haben. Welche Texte, welche Lieder in einen Jugendgottesdienst einfließen; welche Bedürfnisse Trauernde haben; oder was die Frohe Botschaft in einem Kindergarten, bei einer Hochzeit oder Konfirmation bedeutet. Die Frohe Botschaft – für Gaiser beispielsweise ist sie das Fenster zum Himmel.

Die Arbeit mit jungen Menschen hat dem Oberboihinger Pfarrer immer Spaß gemacht. Und Musik spielte da eine große Rolle. Ob bei den neuen Konfirmanden, die mit der Band begrüßt wurden. Oder in den Kindergärten, wo er immer mit seiner Gitarre auftauchte. Und ihn ein Kind einmal den Halleluja-Mann nannte.

Ein Thema, das sich in Gaisers Amtszeit in Oberboihingen stellte: die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren. „Diese Menschen gibt es ja. Auch in Oberboihingen. Und die Kirchengemeinde wollte sich diesem Thema daher auch nicht verschließen. Denn hier geht es ja um Menschen, nicht um Prinzipien“, sagt er. Beliebigkeit will er davon allerdings nicht ableiten. Es müsse schon erkennbar sein, was die Kirche vertritt. Darum setzte er sich für die Möglichkeit dieser Segnung auch ein.

Ökumene – das ist in Oberboihingen ebenfalls ein wichtiges Mosaiksteinchen „Das zieht sich auch durch die Reihen der Mitarbeiter, unter denen es neben Katholiken auch und Neuapostolische gibt“, sagt Gaiser. Gelebt wird die Ökumene auf allen Ebenen, sei es die Altenhilfe, die Jugendarbeit oder die Planung des Dorffestes, das in Oberboihingen identitätsstiftende Bedeutung hat.

Die weniger schönen Momente? „Die gab es immer dann, wenn ich mit den Menschen getrauert habe. Oder wenn Menschen aufgehört haben, sich in der Kirche zu engagieren“, sagt Gaiser. Oder wenn er eine Beerdigung für Menschen organisieren musste, die er näher kannte. Auch der Wunsch nach einer barrierefreien Kirche wurde nicht erfüllt. Das undichte Dach der Bartholomäuskirche kam dazwischen. Eine unabdingbare, aber sehr teure Reparatur.

Am 26. Januar ist Hannes Gaisers Verabschiedung. Bereits eine Woche später ist die Investitur in Göppingen. Und dort ist alles anders. „Ich wohne in der Stadt, meine Pfarrstelle gehört zur Oberhofenkirche“, erzählt er. Dort hat er mit Tobias Comtesse und Annett Bräunlich-Comtesse ein Ehepaar als Kollegen. Der Bezirkskantor wurde neu gewählt. Einen neuen Dekan gibt es ebenfalls. Er wird nach Gaiser sein Amt in Göppingen antreten. „Die Strukturen sind komplex“, sagt Gaiser und lacht.

Kinder wünschten sich eine Glocke, die Bonbons rieseln lässt

Vieles ist am neuen Arbeitsplatz also noch in der Schwebe. Doch fest steht, es macht nicht mehr jeder alles – Gaiser wird also nicht von der Kita bis zu den Senioren, von Baufragen bis zum Aufbau und der Pflege der Homepage für alles zuständig sein. „Es ist spannend, nicht so genau zu wissen, was auf einen zukommt“, sagt er. Doch die Herausforderung nimmt er an. Und wenn Oberboihinger Sehnsucht nach dem alten Pfarrer haben, dann steht Gaisers Türe auch in Göppingen offen. „Ich habe ja hier nicht nur einen Job gemacht, sondern auch gelebt. Ich war nicht nur der Pfarrer, sondern auch der Hannes Gaiser“, ist er sich sicher, dass Verbindungen bleiben. Indes, zu wissen, er werde nicht noch mal 13 Jahre bleiben, nicht noch mal Konfirmanden oder Hochzeitspaare haben, die er getauft hat – ein klein wenig Wehmut kommt da schon auf.

Es klingelt an der Türe. Eine ehemalige Konfirmandin will das Grimmsche Wörterbuch, Band 1 bis 33, abholen. „Das erspart es mir, die Bücher einzupacken und sie kann sie möglicherweise für ihr Studium gebrauchen“, sagt er und schmunzelt. Denn ja, der Umzug mit allen Habseligkeiten muss jetzt doch ziemlich schnell über die Bühne gehen. Auf dem Esstisch liegen kleine Papierstreifen. „Eine Glocke, die Bonbons rieseln lassen kann“, „Kuchen für den Pfarrer“, „Dass man alles versteht mit Gott und Jesus“ – das wünschen ihm die Kinder der Oberboihinger Kitas einmal. Ein Kind wollte aber schon auch wissen, warum er an Gott und Jesus glaube. „Ich bete, aber er meldet sich nie“, hat ihm das Kind erzählt. Vielleicht liefert er im Abschiedsgottesdienst noch die Antwort?

Der Abschiedsgottesdienst am 26. Januar beginnt um 10 Uhr. Das Abschiedsfest beginnt um 15 Uhr in der Gemeindehalle.