Investitur der neuen Nürtinger Dekanin

Investitur der evangelischen Dekanin Dr. Christiane Kohler-Weiß in der Stadtkirche St. Laurentius

Dekanin Christiane Kohler-Weiß bei ihrer nachdenkenswerten Antrittspredigt

03.05.2021 05:30, Von Peter Dietrich

Nimmt man die Antrittspredigt der neuen Nürtinger Dekanin Christiane Kohler-Weiß als Maßstab, dürfen sich die Hörer auf viele pfiffige und nachdenkenswerte Predigten von ihr freuen. Jesus hat auch eine Art Straßentheater gemacht? Ja, der Evangelist Lukas berichtet das.

NÜRTINGEN. Eine Investitur am Sonntag „Kantate“, und das ohne Gesang? Das tat Dr. Christiane Kohler-Weiß weh, aber es ließ sich nicht ändern. Es war aber keine Investitur ohne Musik: Draußen vor der Stadtkirche St. Laurentius, unter einem schützenden Zeltdach, spielten die Posaunen, drinnen erklangen Orgel und Geige mit Werken von Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann und Henri Mulet. Außerdem machte Albrecht Volz eine Improvisation am Lithofon, einem Klangstein, über „Ich singe dir mit Herz und Mund“, ein Lieblingslied der neuen Dekanin.

Die Investitur wurde von der Stuttgarter Prälatin Gabriele Arnold vorgenommen. Sie ist der neuen Dekanin schon oft begegnet und lieferte eine anschauliche Beschreibung der „Neuen“. Sie setze sich für eine Kirche ein, die offen für Frauen und Männer ist, sei kämpferisch und klar an der Seite der Schwachen, offen für die Ökumene, aber zugleich klar protestantisch, habe ein waches Interesse an Menschen und an aktuellen politischen Fragen, sie sei neugierig, habe Organisationsgeschick und sie sei im christlichen Glauben verwurzelt.

Immer habe sie ihren Beruf gut mit ihrer Familie – die neue Dekanin hat drei Kinder – verbunden. In der aktuellen Lage, meinte die Prälatin, sei die Einarbeitung schwieriger. „Es dauert länger, bis Sie die Menschen kennenlernen. Aber ich bin mir sicher, Sie finden kreative Wege, um sich schnell im schönen Kirchenbezirk Nürtingen zurechtzufinden.“ Der christliche Glaube sei kein Kraftakt, sagte Gabriele Arnold. „Aber Dekan sein manchmal schon.“. Aber den biblischen Spruch „Gehe hin zur Ameise, du Fauler, und lerne von ihr“ müsse der neuen Dekanin keiner sagen. Sie müsse man eher auffordern, doch auch einmal in Ruhe ein Glas Wein – oder einen Kaffee – zu genießen.

Die neue Dekanin ist in Freudenstadt aufgewachsen: „Das war in einem Dreimäderlhaus“, sagte sie bei ihrer Vorstellung. Das Studium führte sie nach Wien, Kiel, Tübingen und Straßburg.

Zu einer Investitur gehören immer die Worte von zwei Zeugen. Das erste kam von Iris Hohlbauch, sie wünschte der neuen Dekanin die Erfahrung von König David, der einmal sagte, mit Gott könne er über Mauern springen. Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, bis Dezember 2020 Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg und damit zeitweise der „Chef“ der neuen Dekanin, sagte, diese könne „in leichter Sprache vom Evangelium sprechen, mit einer Prise Humor“. Er wünschte ihr „die Leichtigkeit aus der Freiheit eines Christenmenschen“.

Bei ihrer Antrittspredigt sprach die neue Dekanin über Jesu Einzug in Jerusalem – ein Rückblick auf Palmsonntag. Mit diesem Einzug habe Jesus das Verhalten der Herrscher parodiert, die in eine Stadt einziehen. Er tat es ganz anders, sein „hohes Ross“ war ein Esel. „Er tat dies mit Galgenhumor und etwas Widerstandsgeist, als eine Art Straßentheater.“ Einige Pharisäer, berichtet der Evangelist Lukas, wollten dabei Jesu Jüngern den Mund verbieten – wie eben so oft bei anderslautenden Meinungen. Jesus weigerte sich mit den Worten: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“

Viele Zuschauer im aufwendigen Livestream

In der Stadtkirche St. Laurentius war nur ein enger Kreis an Besuchern zugelassen, viele weitere verfolgten die Liveübertragung. Dafür wurde ein hoher Aufwand betrieben, mit zwei Kameras auf Stativen und einem mobilen Kameramann mit Stabilisierungseinrichtung. Der Gottesdienst wurde auf etwa eine Stunde begrenzt, im Anschluss gab es nur zwei Grußworte – eines von Landrat Heinz Eininger und eines vom Nürtinger Oberbürgermeister Johannes Fridrich. Ersterer bezog sich auf die Vorstellung der neuen Dekanin in der Nürtinger Zeitung vom Freitag: „Da sind Sie gut getroffen.“ Er hieß die neue Dekanin im Kreis der insgesamt fünf Dekane und Dekaninnen im Landkreis Esslingen willkommen – viermal evangelisch, einmal katholisch.

Der Oberbürgermeister hat bereits einige Parallelen zwischen der Dekanin und ihm selbst entdeckt. „Beide singen wir gerne, beide sprechen wir gerne sehr deutliche Worte, beide sind wir offen für die Ökumene. Ich bin katholisch, lebe aber in einer konfessionsverbindenden Familie.“ Er versprach der neuen Dekanin „ein offenes Ohr der Stadtverwaltung“. Ein Dank durfte nicht vergessen werden, ihn sprach Dieter Oehler aus, der Vorsitzende der Bezirkssynode: Er galt allen Mitarbeitern, die während der fünf Monate ohne Dekan besonders gefragt und aktiv waren, allen voran Schuldekanin Dorothee Moser.