Ein farbenfrohes Bild zur Jahreslosung

Die Künstlerin Dorothee Krämer ist zu Gast in der Nachmittagsakademie des evangelischen Kirchenbezirks Nürtingen

Dorothee Krämer hat die aktuelle Jahreslosung (rechts) gestaltet. Foto: privat/Grafik: Krämer

08.01.2021 05:30, Von Monika Petsch

Dorothee Krämer, Künstlerin und Grafikerin aus Esslingen, ist am Montag, 11. Januar, ab 17 Uhr online zu Gast in der Nachmittagsakademie des evangelischen Kirchenbezirks Nürtingen. Viele kennen ihre farbenfrohen Bilder zur „Jahreslosung“, ihre fröhlichen Vesperbrettchen ebenso wie ihre größeren Werke. Im Interview gibt sie einen Einblick in ihre Arbeit.

Frau Krämer, was motiviert Sie als Künstlerin und Grafikerin, ausgerechnet die Jahreslosungen ins Bild zu setzen?

Vor 16 Jahren baten mich Geschäftsführung und Verlag des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg: Machen Sie doch mal ein Bild zur Jahreslosung, frisch und modern, aber mit Tiefgang. Das Motiv sollte so sein, dass man es ein ganzes Jahr sehen kann und immer wieder neue Facetten entdeckt. Seither mache ich jedes Jahr ein oder zwei Motive. Es ist jedes Mal eine Herausforderung, allen diesen Vorgaben zu entsprechen.

Was ist Ihnen besonders wichtig in der Umsetzung?

Mir ist es wichtig, dass man den Text auf verschiedene Arten interpretieren kann, dass es verschiedene Deutungsebenen gibt. Das Bild muss aussagekräftig bleiben, auch wenn man den Kontext des Verses nicht kennt. Das Bild sollte immer in freundlichen Farben gehalten sein – keiner will ein ganzes Jahr auf düstere Farben schauen. Aber da leuchtende Farben fast schon ein Markenzeichen meiner Bilder sind, fällt mir das nicht schwer.

Ganz konkret: Wie entsteht ein solches Bild zur Jahreslosung? Sie arbeiten ja mit ganz unterschiedlichen gestalterischen Mitteln und werden uns einiges dazu in Ihrem Vortrag vorstellen.

Zunächst gibt es immer eine Sammlung von Ideen, die mir spontan einfallen – so ein Brainstorming findet immer mit dem Verlag gemeinsam statt. Dann folgen circa 100 Skizzen, wo ich versuche, mir vorzustellen, was alles in dem fertigen Bild enthalten sein soll. Auch Farbe, Licht und Strukturen erarbeite ich in den Skizzen. Dann folgen meist zehn gemalte Bilder in großem Format. Ich male solange neu, bis ich mit dem Bild und der Aussage zufrieden bin. Am Computer folgt der Feinschliff. Ich bin gelernte Retuscheurin und kann im Photoshop zaubern. Das ist wichtig, weil beim Malen vieles spontan auch daneben geht, das kann ich hinterher wieder ausbügeln. Im Online-Vortrag in der Nachmittagsakademie am nächsten Montag kann man das gut sehen, weil ich die einzelnen Schritte gut zeigen kann. Eine Herausforderung ist es oft auch, dass das Motiv in sehr unterschiedlichen Formaten gebraucht wird – in sehr länglichen Lesezeichen und riesigen Postern. Und trotzdem muss das Wesentliche immer gut zu sehen sein. Wichtig ist auch, wo der Text hinkommt – er muss gut zu lesen sein, und schon beim Malen muss ich Platz dafür vorsehen. Am Ende müssen die Daten zum Druck sehr sorgfältig vorbereitet werden, da ist die Erfahrung als Grafikerin von Vorteil.

Die Jahreslosungen sind aber nur ein Teil Ihrer Arbeit . . .

Als Grafikerin mit kleiner Agentur mache ich alles, was im Bereich Werbung gebraucht wird – Beratung und Konzeption, Logos, Broschüren, Plakate. Die Kunden kommen aus ganz verschiedenen Bereichen – Maschinenbau und Technik, häufig aus dem caritativen oder kirchlichen Bereich. Die Arbeit mit sehr unterschiedlichen Aufgaben macht mir am meisten Freude. Oft sagen Kunden auch: Wir haben eine bestimmte Problemstellung, bitte beraten sie uns, reden Sie eine Stunde mit uns.

Sie sind in Kirchenkreisen bekannt, bekommen viele Aufträge von Kirchengemeinden und kirchlichen Institutionen.

Ich habe viel Erfahrung aus ehrenamtlicher Tätigkeit in Jungschar, Kinderkirche und Chorarbeit, das ist hilfreich, wenn man mit Kirchen als Kunden zu tun hat. Die Kirchengemeinde in Neuffen bat mich, den Gemeindesaal zu gestalten, weil sie ein ähnliches Projekt in Schönaich gesehen haben. Das spricht sich momentan rum. Ich male gerne Bilder mit vielen Texten, die werden collagiert und überlagert. Für Gemeinden ist das oft eine schöne Lösung, einen Denkspruch oder ein Leitwort umzusetzen. Ich werde oft gebeten Trausprüche auf Leinwand umzusetzen.

Ein Satz zur Coronakrise . . .

Corona hat mich eigentlich mehr privat getroffen – ich bin ein echter Zappelphilipp und brauche Auslauf und Begegnungen. Das fehlt mir sehr.

Zurück zur Jahreslosung: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, nach dem Evangelium des Lukas, Kapitel 6, Vers 36, ist die Jahreslosung für 2021. Welche Bedeutung hat dieser Satz für Sie ganz persönlich?

Mit anderen barmherzig zu sein, fällt mir oft nicht so schwer. Ich bin oft zu mir selbst unbarmherzig, möchte alles gut und perfekt machen. Bin oft mit mir selbst viel strenger als mit anderen. Mit mir selbst gelassener umzugehen, das will ich neu lernen.

 

Hintergrund:

Die Jahreslosung

Die Jahreslosung der christlichen Kirchen wird von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen ausgewählt. Die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation spielt dabei keine Rolle, weil die Auswahl stets vier Jahre im Voraus stattfindet. Wichtige Gesichtspunkte sind dagegen, dass eine zentrale Aussage der Bibel in den Blick kommt, und zwar in einprägsamer und möglichst knapper Formulierung, ein Bibelwort, das in besonderer Weise ermutigen, trösten Hoffnung wecken oder auch aufrütteln und provozieren kann. Die Jahreslosung für 2021 lautet: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Lukas 6,36.
(Verfasser: Eberhard Fuhr)