Trauer und tröstliche Dankbarkeit

Nürtinger Kantorei wartete mit Johann Sebastian Bachs Markuspassion in der Stadtkirche St. Laurentius an Karfreitag auf

Kantorei, Capricornus Consort und Solisten garantierten einen besonderen Hörgenuss. Foto: Jüptner

23.04.2019, Von Udo Klebes

NÜRTINGEN.  Selbst ein mit dem umfangreichen Œuvre Johann Sebastian Bachs gut vertrauter Musikliebhaber wird sich bei dieser für die allermeisten Zuhörer ersten Begegnung mit der 1731 uraufgeführten und 1744 in einer erweiterten Fassung gespielten Markuspassion immer wieder verwundert gefragt haben, ob beim diesjährigen Karfreitagskonzert der Nürtinger Kantorei wirklich Musik dieses Komponisten erklungen ist. Diese Frage ist schon deshalb berechtigt, weil von diesem Werk nur das Libretto von Christian Friedrich Henrici (genannt Picander) und die musikalischen Formen gesichert vorliegen, aber kein Notenmaterial belegt ist. Es gibt nur Hinweise, dass sich Bach des von ihm auch bei anderen Schöpfungen angewandten Parodieverfahrens bedient hat, das heißt bereits vor allem die aus dem Kantatenwerk vorhandene Musik wurde dahingehend ausgewählt, den Text von Picander aufgrund von gleichenden Reimschemata und Silbenanzahl auf den Rhythmus anderer Kompositionen übertragen zu können.

Seit dem 19. Jahrhundert gab es immer wieder Rekonstruktionsversuche, um dem Stil Bachs möglichst nahe zu kommen, der Passion also eine im Bach’schen Sinne entsprechende instrumentelle klangliche Gestalt zu geben. Mit wenigen Ausnahmen waren sich alle bisherigen Bearbeiter einig, dass dies nur mit der Verwendung anderer Werke des Meisters möglich ist und nicht durch Neukompositionen.

Die Aufführung der Nürtinger Kantorei gründet in der jüngsten Rekonstruktion durch den Kantor Andreas Fischer aus dem Jahr 2016. Fischer stützt sich auf die weit verbreitete Meinung, dass einige Stücke der in zwei gleichmäßige, fast symmetrisch angelegte Teile gegliederten Passion eindeutig auf bestimmten früheren Bach-Kreationen fußen, darunter auch der Anfangs- und Schlusschor, während er bei einigen Ergänzungen auch Material später entstandener Bach-Stücke verwendet hat. Trotz mancher irritierender Höreindrücke wahrt letztlich doch alles einen zumindest dem Tonschöpfer ähnelnden Charakter. Alle weitergehenden Bemerkungen hierzu würden den Rahmen dieser Rezension als zu wissenschaftliche Abhandlung sprengen.

Wichtiger erscheint die Tatsache, dass sich die Nürtinger Kantorei mit einem weiteren, sehr ambitionierten Projekt beschäftigt hat, an dem die Chorvereinigung in der ohnehin schon erreichten künstlerischen Qualität weiter gewachsen ist. Und das ist ganz entschieden der Verdienst ihrer beiden Leiter Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo (er leitete diese Aufführung mit gewohnter Umsicht und Animationskraft), die an den erarbeiteten Stücken an den Details so feilen, bis eine rundum durchdrungene Wiedergabe erzielt ist. Im Falle der Markus-Passion bedeutet dies beispielsweise den rein melodisch strukturell betrachtet simpel aufgebauten Chorälen in ihren so unterschiedlichen Ausdrucks-Funktionen gemäß den wechselnden Stationen des Evangelienberichts differenziert nachzuspüren, ihnen den jeweils passenden Klangcharakter zu geben und gleichzeitig doch deren schlichte Form zu wahren.

Ein lebendig wirkender Chor mit innerlich leuchtender Tongebung

Die Sängerinnen und Sänger der Nürtinger Kantorei folgten diesen Intentionen mit geschlossenem Einsatz, einer runden, innerlich leuchtenden Tongebung unter Wahrung einer präzisen Artikulation, speziell auch im Ausklingen der Satzenden. Der Tonfall bleibt dabei leicht, ohne jeglichen Druck. Das gilt auch für die phasenweise in die schildernden Rezitative eingearbeiteten Einwürfe der direkten Rede; da wirkt der Chor lebendig, motiviert zur Spontaneität unmittelbaren Erlebens, in der hier mehrfach erfolgenden Übereinanderschichtung der Stimmgruppen weitestgehend transparent und sicher im Takt. In den rahmenden feierlichen Chorsequenzen fügen sich beide Vortragsweisen harmonisch zusammen, nimmt die Kantorei den Zuhörer sofort mit hinein in den zentralen Gedanken des Trostes, der die Markuspassion mehr bestimmt als ihre beiden berühmten Schwesternwerke.

Die Solisten bewegten sich wie schon gewohnt bei diesen Konzerten auf überaus erlesenem Niveau. Das Hauptgewicht lastete auf dem Tenor Julius Pfeifer, der als erzählender Evangelist zu einer überzeugenden Symbiose aus plastischer Sprachkultur und einer passend schlichten, eine leichte Distanz erzeugenden Vortragsweise fand, in den beiden Arien zur Reinheit seines lyrischen Tenors noch die Fähigkeit einer tragenden Fülle (speziell in „Angenehmes Mordgeschrei“) als dringliches Mittel der Reflexion hinzufügte. Den als Basspartien angelegten Parts des Jesu und des mehrere kleinere Rollen übernehmenden Kollegen entsprach zwar keiner der beiden Solisten im Sinne ihrer fachlichen Bezeichnung vollumfänglich, doch mit den ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten blieben sie ihren Vorträgen abgesehen von einer flach ausgeprägten Tiefe nichts schuldig.

Solisten bewegten sich auf einem erlesenen Niveau

Thomas Scharr machte als Jesus mit ganz klar fokussiertem, körpervollem Bariton auf sich aufmerksam. Joachim Höchbauer steigerte sich im Laufe des Konzerts sogar von einer guten zu einer exzellenten Verbindung von dunkel getöntem Klang und geschärft prononcierter Ausdrucksweise. David Allsopp schaffte es in seinen beiden Arien, zumal in „Falsche Welt“, mit ganz ruhig fließender Stimmführung und der makellosen Klarheit seines Countertenors eine ganz besondere Atmosphäre aufzubauen, ein Stück weit vom Boden abzuheben. Auch Jessica Jans, deren Einsatz ebenso auf leider nur zwei Arien begrenzt war, besaß die Fähigkeit, mit ihrem gehaltvoll innigen und doch intensiven Sopran in eine andere Welt mitzunehmen und an ihrem inneren Erleben bewegt teilhaben zu lassen.

Sind die beiden Kantoren ein Glücksfall für die Chorgemeinschaft, so ist das hier mehrfach bewährte Capricornus Consort Basel ein wertvoller Musizierpartner. Die stilistische Einheitlichkeit dieses auch technisch für eine gewaltige Ausdrucksskala gut gerüsteten Instrumental-Ensembles schafft überhaupt erst die Ausgangslage, auf der ein so dichtes vokales Gefüge aufgebaut und getragen werden kann. Ob an solistisch hervorstechenden Pulten der Flöte, Oboe und der Theorbe mit flexibler Mitgestaltung, im rund und beweglich akzentuierenden Streicherapparat oder auch im Wechselspiel – diese Musiker und Musikerinnen bewegen sich unaufhörlich am Atem des Vortrags sowie an einer unmittelbaren Verknüpfung von Rezitativen, Arien und Chören. Beim bruchstückhaften Charakter der Markuspassion stellt gerade dies eine besondere Herausforderung dar.

Jesu Tod, der hier erst kurz vor dem Ende erfolgt, ermöglicht im bald darauf folgenden Schlusschor eine Verschränkung von Trauer und tröstlicher Dankbarkeit zugleich, die im Orchesternachspiel so wunderbar mitschwingt. Die menschliche Stimme kann da nur noch schweigen. Ein tief bewegender Abschluss, der mit dem gleichzeitigen Anstrahlen des Gekreuzigten in die Stille des Nachklingens übergeht. Zumindest im Geiste konnten sich alle Beteiligten reichhaltigen erhaltenen Beifalls sicher sein.