Eine energiegeladene Interpretation

Die Nürtinger Kantorei schloss am Silvesterabend in der Laurentiuskirche die Aufführung von Bachs Weihnachtsoratorium ab

Feierlich-musikalischen Glanz verlieh das Konzert der Nürtinger Kantorei dem Silvesterabend. Foto: Posim

Von Cornelia Krause


NÜRTINGEN. Zu später Stunde hatte die „Musik an der Stadtkirche“ Nürtingen am Altjahresabend zum Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach eingeladen. Dieses große Projekt der Nürtinger Kantorei hatte seinen Anfang bereits am zweiten Advent mit den ersten drei Kantaten aus dem Bachschen Weihnachtsoratorium genommen. In der gleichen Besetzung wurden am Silvesterabend nun die restlichen drei Kantaten aufgeführt.

Von Bach selbst stammt die Anweisung, diese drei Kantaten erst nach Weihnachten zu singen, die letzte der sechs Kantaten ist für den Epiphaniastag bestimmt. Das Nürtinger Publikum ergriff dankbar die seltene Gelegenheit, das ganze, berühmte Werk komplett zu hören und strömte in Scharen zu beiden Aufführungen.

Wie im Advent stand der Nürtinger Kantorei auch im zweiten Teil das Orchester Capricornus Consort Basel als einfühlsame und kompetente Begleitung zur Seite. Die Leitung lag in den bewährten Händen von Bezirkskantorin Angelika Rau-Čulo. Hochkonzentriert und mit zupackendem, energischem Dirigat übertrug sie präzise ihre musikalischen Vorstellungen auf das große Ensemble.

Bereits im Eingangschor „Fallt mit Danken, fallt mit Loben“ erfüllte der strahlende Klang der Kantorei das große Kirchenschiff. Da das Orchester auf historischen Instrumenten spielte, klang es insgesamt weicher und leiser, es fehlte die Schärfe des modernen Orchesterklangs. Weich verschmolz daher der Orchesterklang mit den vielen Chorstimmen, der Chorklang schwebte immer über dem Orchester und wurde niemals überdeckt. Zu den Streichern gesellen sich in der vierten Kantate zwei Oboen und zwei Hörner. Inhaltlich geht es in dieser Kantate hauptsächlich um den Namen „Jesus“, musikalisch dargestellt durch den weichen Hörnerklang.

Es war gelungen, auch die vier Solisten für beide Konzertabende zu verpflichten. Dies trug ganz wesentlich zur Homogenität und Kontinuität der Aufführungen bei.

In der vierten Kantate ist insbesondere die „Echo-Arie“ ein musikalischer Höhepunkt. Miriam Feuersingers strahlender Sopran erklomm mühelos alle Höhen, die geliebten Echos erklangen – etwas wackelig – aus dem Chor, abwechselnd mit der Oboe, und faszinieren die Zuhörer immer wieder aufs Neue.

In der Tenorarie „Ich will nur dir zu Ehren leben“ stürmte Jakob Pilgram regelrecht voran. Seine helle, sehr klare Tenorstimme wurde durch die fugierten Einsätze der beiden Soloviolinen hervorragend unterstützt. Virtuos spielten sich die drei Musiker die musikalischen Bälle zu und gaben der Arie Spannung und Dynamik.

Mit dem ruhig und innig gesungenen Schlusschoral schloss die Kantorei den Bogen der vierten Kantate. In sehr forciertem Tempo dirigierte Rau-Čulo den großen Eingangschor der fünften Kantate „Ehre sei dir Gott“. Fast schon gehetzt wirkte die Kantorei. Zwar kam die fortwährende Sechzehntel-Motorik der Violinen gut zum Ausdruck und verlieh dem Satz etwas Drängendes, doch etwas mehr Ruhe hätte dem Stück seine majestätische Erhabenheit gegeben.

Der Wechselgesang war sehr plastisch dargestellt

Sehr plastisch dargestellt war der Wechselgesang zwischen der wunderbaren Altstimme Franz Vitzthums und dem Chor: „Wo ist der neugeborene König der Juden?“. Die große Bass-Arie „Erleucht auch meine finsteren Sinnen“ gab Joachim Höchbauer Gelegenheit, sein großes musikalisches Können zu zeigen. Sein Bass ist in den Tiefen eher zurückhaltend, doch durch seine klare Phrasierung und seinen starken Ausdruck gelang seine Interpretation sehr eindrucksvoll.

Leider nahm die ihn begleitende Solo-Oboe dies wenig auf. Zu blass und leise war der Oboenklang doch, zu unentschlossen die Phrasierung und Klanggestaltung.

Wirkliches Erschrecken verbreitete der Evangelist durch König Herodes. Wiederum sehr plastisch wurde die Handlung musikalisch meisterlich vorangetrieben. Ein wunderschönes Violinsolo verband mit warmem Klang das Terzetto aus Sopran, Alt und Tenor, bevor auch die fünfte Kantate mit einem zarten und leisen Schlusschoral endete.

Mit Pauken und Trompeten beginnt der sechste und letzte Teil des Weihnachtsoratoriums von Bach. „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“ sang die Kantorei in der Laurentiuskirche mit großer Inbrunst.

Anhaltender Applaus und großer Jubel

Im Sopran-Rezitativ „du Falscher“ wird noch einmal auf König Herodes Bezug genommen. Doch die Weisen aus dem Morgenland folgen dem Stern und finden Jesus in der Krippe. Sie verraten Jesus nicht an Herodes, sondern nehmen einen anderen Weg zurück. Im wohl berühmtesten Choral des Werkes „Ich steh an deiner Krippen hier“ wird ganz schlicht auf diese Szene Bezug genommen.

Der strahlende Glanz der Trompeten trägt die sechste Kantate bis zu ihrem kunstvollen Schlusschoral. Noch einmal erfüllen die vier Solisten, Chor und Orchester das große Kirchenschiff der Nürtinger Laurentiuskirche.

Nach kurzer Stille bricht lang anhaltender Applaus, aber auch großer Jubel im Publikum aus. An diesem besonderen Abend an der Schwelle zum neuen Jahr, spüren die Zuhörer das Zupackende, das Motivierende, das von dieser Aufführung ausgeht.

Angelika Rau-Čulo ist es gelungen, durch ihre eigene, energiegeladene Interpretation der Bachschen Musik alle Mitwirkenden und Zuhörer in den Bann zu ziehen und damit ungeheure Zuversicht zu vermitteln. Diese Energie und Zuversicht nahmen alle gern mit nach Hause und werden sie ins neue Jahr hineintragen.