Konfirmation mit Abstand - Dekan informiert über Hygieneschutzkonzepte bei Gottesdiensten

Dekan Michael Waldmann informiert im Interview über Hygieneschutzkonzepte bei Gottesdiensten

14.10.2020 05:30, Von Anneliese Lieb

Die steigenden Corona-Infektionszahlen im Landkreis Esslingen sorgen vielerorts für verschärfte Regelungen. Auch im Kirchenbezirk Nürtingen wurden die Regeln für Gottesdienste an den Erlass des Oberkirchenrats vom 7. Oktober angepasst. Was heißt dies zum Beispiel für Konfirmationen? Im Interview informiert Dekan Michael Waldmann über aktuelle Vorgaben.

Herr Waldmann, in den zurückliegenden Wochen konnten die evangelischen Kirchengemeinden wieder in großer Vielfalt Gottesdienste feiern und Konfirmationen nachholen. Vergangene Woche wurde jedoch im Landkreis Esslingen die Grenze von 50 Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen überschritten. Was heißt dies für die Kirchengemeinden im Dekanat?

Die vier Kirchen im Land haben gegenüber der Landesregierung einheitlich ihren Standpunkt dargelegt, dass sie im Rahmen ihres Selbstverwaltungsrechts Regelungen zum Infektionsschutz in Gottesdiensten selbst treffen wollen und können. Der Oberkirchenrat hat das Schutzkonzept für Gottesdienste weiter fortgeschrieben und sieht Maßnahmen vor, die auf das Infektionsgeschehen vor Ort bezogen sind. Damit gelten ab sofort im Kirchenbezirk Nürtingen die Regeln für Gottesdienste, die der Oberkirchenrat mit Erlass vom 7. Oktober für den Fall getroffen hat, dass die Grenze von 50 Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern innerhalb von sieben Tagen überschritten wird.

Was heißt dies konkret?

Es können nur noch Personen aus einem Haushalt beieinandersitzen. Auf das gemeinsame Singen in geschlossenen Räumen wird verzichtet. Die Verpflichtung eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen gilt für die gesamte Dauer des Gottesdienstes. Die Erfassung der Teilnehmenden wird verpflichtend.

Können noch ausstehende Konfirmationen gefeiert werden? Und gelten für den Konfirmationsgottesdienst die gleichen Besucherzahlen wie für die anschließende Feier in der Familie, also maximal 25 Personen?

Die anstehenden circa zehn Konfirmationen am 18. und 25. Oktober können Stand heute gefeiert werden. Für Gottesdienste gelten die Einschränkungen der Besucherzahlen nicht, weil die Landesregierung auf das kirchliche Selbstverwaltungsrecht Rücksicht nimmt. Die Zahl der Gottesdienstbesucher hängt vom jeweiligen Schutzkonzept der Kirchengemeinde ab, die für ihre Kirche jeweils ein eigenes Konzept entwickelt hat. Inhalt bei allen Konzepten ist unter anderem ein Abstand von jeweils zwei Metern, nicht nur 1,5 Meter wie bei sonstigen Veranstaltungen üblich. Zum Glück sind die Kirchenräume auch sehr hoch und bieten daher ein großes Raumvolumen, was die Ansteckungsgefahr mindert. Es gibt Kirchen mit unter 20 Personen als Maximalbesucherzahl, die Stadtkirche hat maximal 150 Plätze, aber nur wenn viele Menschen aus einem Haushalt dabei sind, die nebeneinandersitzen dürfen.
Die Konfirmation ist für junge Menschen und ihre Familien ein besonderes Fest. Das war vor 47 Jahren, als das Bild entstand, nicht anders als heute. In Zeiten der Corona-Pandemie gelten allerdings besondere Infektionsschutzmaßnahmen bei Konfirmationsgottesdiensten. Foto: privat
Die Konfirmation ist für junge Menschen und ihre Familien ein besonderes Fest. Das war vor 47 Jahren, als das Bild entstand, nicht anders als heute. In Zeiten der Corona-Pandemie gelten allerdings besondere Infektionsschutzmaßnahmen bei Konfirmationsgottesdiensten. Foto: privat

Dürfen die Verwandten im Gottesdienst zusammensitzen?

Es dürfen seit 11. Oktober nur noch Menschen nebeneinandersitzen, die unter einem gemeinsamen Dach wohnen. Das hat die Zahl der Besucher bei den Konfirmationen noch einmal deutlich gesenkt und zu größeren Einschränkungen bei den Konfirmationen geführt als noch vor einer Woche geplant. Die Pfarrerinnen und Pfarrer haben hier in den letzten Tagen einiges geleistet, um Konfirmationen als ein Fest zu ermöglichen. Sie standen und stehen in engem Kontakt mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden und ihren Familien. Es wurden immer wieder neue Platzkonzepte nötig.

Gilt die Verpflichtung, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, für jeden Gottesdienst oder generell für jeden Kirchenbesuch, also auch wenn ich das Gotteshaus aufsuche, um persönlich innezuhalten?

Die Verpflichtung, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, gilt nur für den Gottesdienst, weil ich mit mehr Menschen gleichzeitig im Kirchenraum bin.

Galt die namentliche Erfassung der Gottesdienstbesucher schon seit Beginn der Pandemie oder hängt die Regelung mit der Überschreitung der Neuinfektionsgrenze zusammen?

Die Erfassung der Gottesdienstbesucher gilt in Nürtingen seit der Überschreitung der Neuinfektionsgrenze von 35/100 000. Vorher war uns die Erfassung nur empfohlen worden. Wir haben sie aber bei den niedrigen Infektionszahlen im Sommer für unverhältnismäßig angesehen und die Erfassung an die Überschreitung der Neuinfektionen von 35/100 000 Einwohnern gekoppelt. Ich bin froh, dass bisher auch noch keine Ansteckungen von Gottesdiensten im Kirchenbezirk Nürtingen ausgegangen sind. Das spricht auch für die Achtsamkeit der Kirchengemeinden im Umgang mit den Schutzkonzepten.

In der ersten Hochphase der Pandemie im Frühjahr wurden Taufen bis auf Nottaufen verschoben. Gab es in der Zwischenzeit wieder die Möglichkeit, Kinder in der Kirche taufen zu lassen und bleibt es auch künftig dabei?

Taufen sind schon seit längerer Zeit wieder möglich. Bei der Taufhandlung am Taufstein kann der Mindestabstand unterschritten werden. Neben der Pfarrerin oder dem Pfarrer und dem Täufling dürfen nicht mehr als zwei Personen unmittelbar am Taufstein sein.

Welche Regelungen gelten für kirchliche Trauungen?

Für kirchliche Trauungen gelten die Regeln wie für Gottesdienste allgemein. Es sind in der Stadtkirche auch schon wieder drei Trauungen im Sommer gefeiert worden. Jetzt sind aber für den Herbst wieder alle Trauungen abgesagt worden, weil die Brautpaare nur mit 25 Personen nach dem Gottesdienst feiern dürfen.

Beerdigungen waren im Frühjahr zum Teil noch Hotspots. Wie viele Besucher sind aktuell bei Beerdigungen zugelassen?

Beerdigungen waren Anfang März Auslöser von Infektionsgeschehen wie alle Zusammenkünfte von Menschen in der Vor-Corona-Zeit, wenn Abstände noch nicht eingehalten wurden und Umarmungen noch selbstverständlicher Teil des Abschiedsrituals waren. Danach hatten wir Einschränkungen bei Beerdigungen, die aus heutiger Sicht nicht angemessen waren. Menschen wurden nicht in Würde beerdigt, sondern in kleinstem Kreis beigesetzt. Das hat die Trauerarbeit stark beeinträchtigt. Aktuell können Beerdigungen im Freien unter bloßer Wahrung des Mindestabstands gefeiert werden. Das gilt weiterhin. So habe ich auf dem Waldfriedhof Hildegard Ruoff mit 300 Trauergästen beerdigen können. In der Friedhofshalle sind derzeit 28 Besucher mit Mund-Nasen-Bedeckung zugelassen. Die Versöhnungskirche kann auch für Beerdigungen mit 60 Personen genutzt werden. Die Menschen ziehen Feiern im Freien vor, was aber in der kalten Jahreszeit schwieriger sein wird.

Wie stark und in welcher Form waren Sie als Dekan von 28 Kirchengemeinden in den zurückliegenden Monaten vom Pandemiegeschehen betroffen?

Es gab viel zu organisieren und zu ordnen. Die sich manchmal fast stündlich ändernden Regelungen waren für alle eine große Herausforderung. Alle sollten informiert werden und auf dem neuesten Stand bleiben. Die Pandemie war eine unbekannte Größe und ist es bis heute noch. Wir sind bisher als Kirche ganz gut durchgekommen. Was mich sehr traurig macht ist, dass im Frühjahr mehrere Menschen ohne Beistand von Seelsorgern und Seelsorgerinnen oder Angehörigen sterben mussten. Das hätte nicht passieren sollen. Aber auch die Kirchen hatten keine Schutzkleidung und Schutzmasken.

Was können wir daraus lernen?

Ich möchte mich an der Stelle auch einmal ganz herzlich beim Gesundheitsamt und dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Esslingen bedanken, die einen großartigen Job gemacht haben und machen. Sie ernten eher Kritik als Beifall von den Balkonen. Dabei haben sie meinen Respekt aufgrund unzähliger Überstunden und kluger Entscheidungen. Verantwortung in dieser unbekannten Situation zu übernehmen, ist für alle sehr schwierig. Das sollten wir uns immer wieder klarmachen. Gesundheitsminister Jens Spahn hat zu Recht gesagt, dass wir uns nach der Pandemie viel zu verzeihen haben. Fehler gehören zum Leben dazu und das Leben ist auch ohne Corona lebensgefährlich. Der Staat kann nicht alle Risiken des Lebens minimieren und schon gar keine Ewigkeitsgarantien verleihen.