Ein Konzert, betörend schön

Das Ensemble „il capriccio“ setzte am Samstagabend drei herausragende Komponisten herausragend in Szene

Als Streichquartett trat das Ensemble „il capriccio“ in der Bartholomäuskirche auf. Foto: Krause

05.11.2018, Von Cornelia Krause

OBERBOIHINGEN. Für Freunde erlesener Kammermusik gab das Ensemble „il capriccio“ am Samstagabend in der Oberboihinger Bartholomäuskirche ein herausragendes Konzert. Das Ensemble um das in Oberboihingen wohnende Musikerehepaar Dietlind Mayer und Friedemann Wezel wurde bereits 1998 gegründet. Unter der Leitung von Friedemann Wezel, Professor an der Musikhochschule Leipzig, entwickelte es sich zusammen mit namhaften europäischen Musikern zu einem hochkarätigen Ensemble, das mit wechselnden Besetzungen auf Originalinstrumenten in historisch informierter Aufführungspraxis vornehmlich Musik aus dem 17./18. Jahrhundert erarbeitet.

Am Samstagabend trat das Ensemble als Streichquartett auf. Das Programm war mit „Danksagung“ überschrieben und umfasste Werke von Haydn, Beethoven und Mendelssohn. Die drei Kompositionen stehen alle in besonderer Beziehung zueinander und wurden, ebenso wie der Titel des Konzerts, ganz bewusst ausgewählt.

Das Streichquartett op. 77/2 ist das letzte vollendete Quartett von Joseph Haydn. Haydn ist gleichzeitig der Erfinder und Vollender der Gattung Streichquartett, insgesamt 68 dieser Werke komponierte er. Das am Samstag gehörte Spätwerk schrieb er mit über 90 Jahren, es enthält alles, was Haydn je komponiert hat und führt mit seinen himmlischen Klängen noch darüber hinaus. Gleich im Allegro moderato des ersten Satzes beeindruckte die enorme Homogenität der vier Musiker. Klanglich wie aus einem Guss modellierten sie die Themen und warfen sich die musikalischen Bälle zu.

Die Fülle der Musik Haydns hörbar und erlebbar gemacht

Mit sparsamem Vibrato, aber ungeheurer Klangdifferenzierung gelang es Friedemann Wezel an der ersten und Dietlind Mayer an der zweiten Violine sowie dem Bratscher Florian Schulte und dem Cellisten Alessandro Palmeri, die ungeheure Fülle der Musik Haydns hörbar und erlebbar zu machen. Witzige Einfälle im Menuet Presto und im Übergang vom Trio zurück zum Menuett ließen die Zuhörer schmunzeln.

Betörend schön der Beginn des Andante, bei dem die erste Violine und das Cello eine dunkle, schlichte Melodie gemeinsam musizieren, eine Musik irgendwo zwischen Himmel und Erde. Virtuos und jubilierend entfaltet sich das Vivace assai des Finalsatzes. Haydn war ein exzellenter Geiger, seine technischen Herausforderungen an den Primarius seiner Streichquartette sind entsprechend hoch. Dieses Können lässt Haydn auch in seinem letzten Werk noch einmal aufblitzen. Großartig und ohne Effekthascherei von Friedemann Wezel gespielt, da konnten auch kleine Intonationsprobleme in der Höhe – vielleicht der Kälte in der Kirche geschuldet – den Gesamteindruck nicht trüben.

Bevor mit Beethovens Streichquartett Nr. 15 in a-Moll op 132 der „heilige Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit“ erklang, ergriff Friedemann Wezel das Wort für gleich mehrere Danksagungen. Zunächst erklärte er, dass Beethoven den „Dankgesang“ nach einer überstandenen Gelbsucht komponierte, zwei Jahre vor seinem Tod. Dank sagte Wezel auch persönlich für 20 Jahre Bestehen des Ensembles „il capriccio“ und dafür, dass seine Familie im alten Pfarrhaus Oberboihingen eine Heimat gefunden hätten, in der sie sich „sauwohl“ fühlten.

Wie ein gregorianischer Choral in der alten lydischen Kirchentonart begann Beethovens autobiografisches Spätwerk. Unterbrochen durch Zwischenteile, die mit „neuer Kraft fühlend“ überschrieben sind. Es gelang den Musikern von „il capriccio“ mühelos, diese beiden Klangunterschiede hörbar zu machen. Fahl und eindringlich erklangen die Gebetsteile, schwungvoll und farbig spürte man die neue Kraft in den Zwischenteilen. Gleichzeitig war die Musik ineinander verwoben und steigerte sich zum Schluss immer inniger und intensiver zu einem großen Dankesgebet.

Mendelssohns Streichquartett bezieht sich direkt auf Beethoven

Das Streichquartett in a-Moll op. 13 von Felix Mendelssohn bezieht sich direkt auf Beethovens Werk. Der achtzehnjährige Mendelssohn schrieb das Werk in derselben Tonart wie Beethoven, als er von dessen Tod erfuhr. Mendelssohn begann im Adagio, allerdings wurde im folgenden Allegro vivace schon seine eigene, romantische Tonsprache erkennbar. Im zentralen Adagio non lento erklang eine kleine Fuge, beginnend in der Bratsche, die dann durch alle Stimmen geführt wurde, nach seinem großen Vorbild Johann Sebastian Bach.

Mit graziler Pizzicato-Begleitung begann das filigrane Intermezzo. Leggiero erklang das Finale Presto. In rasendem Tempo und mit meisterlichem Spiccato im Bogen gespielt, ließ dieser Satz schon den „Sommernachtstraum“ oder das berühmte spätere „Streichoktett“ erahnen. Eine Kadenz der ersten Violine nahm das Adagio und damit den Anfang des Quartetts wieder auf.

Es war ein Konzert mit selten gehörten, sehr intensiven Streichquartetten. Diese vollkommenste Gattung der Streicherkammermusik birgt einen ungeheuren Schatz an Literatur. Vom Ensemble „il Capriccio“ entstaubt und in großer Durchsichtigkeit zusammen musiziert, war der Abend ein Hochgenuss. Entsprechend groß war der Applaus in der voll besetzten Kirche. Zum „nach Hause gehen“ gab es noch einmal Mendelssohn, ein zartes Andante espressivo, innig und andächtig gespielt.