„Unser Glaube lehrt uns Nächstenliebe“

Die indonesische Lehramtsstudentin Lola Amba macht ein halbjähriges Praktikum im Kirchenbezirk Nürtingen

Fast 12000 Kilometer liegen zwischen Deutschland und Südsulawesi: Lola Amba zeigt, woher sie kommt. Foto: skr

04.06.2019, Von Sabrina Kreuzer

Eine Reise um die halbe Welt hat die junge Lola Amba auf sich genommen: Aus der indonesischen Provinz Südsulawesi kam sie im Februar nach Nürtingen. Hier lernt sie als Praktikantin des Kirchenbezirks das Leben und die Arbeit in Deutschland kennen.

NÜRTINGEN. Fast 12 000 Kilometer liegen zwischen ihrer Heimatstadt Palopo auf der Insel Sulawesi und Nürtingen. Was der 23-jährigen Lola Amba nach ihrer Ankunft im Februar als Erstes aufgefallen ist: „Hier war es einfach nur kalt.“ Sulawesi liegt nahe dem Äquator zwischen Malaysia und Neuguinea, die Temperaturen steigen dort nicht selten auf über 30 Grad Celsius.

Auf eine Einladung der Evangelischen Mission in Solidarität kam Lola Amba nach Nürtingen. Seit 2009 hat der Evangelische Kirchenbezirk Nürtingen eine Partnerschaft mit der Luwu-Kirche auf Sulawesi. Der Arbeitskreis Pro Indonesia unterstützt Projekte in der Partnerkirche und organisiert Begegnungen, der Kirchenbezirk zahlt – bis auf die Kosten den Fluges – den Aufenthalt während des Austauschs.

Doch nicht nur das Wetter ist für die Lehramtsstudentin eine Umstellung. Während sie der kalten Jahreszeit etwas Schönes abgewinnen kann – das erste Mal in ihrem Leben hat sie Schnee gesehen –, hat sie mit dem deutschen Essen so ihre Probleme.„Wir essen viel Reis“, erzählt sie aus ihrer Heimat. „Brot ist für uns nur ein kleiner Snack. Wenn ich hier Brot esse, wird mir schlecht, weil ich so schnell wieder hungrig bin.“

Manfred Gröppel vom Arbeitskreis Pro Indonesia weiß: „In Indonesien gehört das Essen zum Leben, dort wird dreimal täglich warm gegessen.“ Es heiße nicht umsonst: „Sie leben, um zu essen. Wir hier essen, um zu leben.“

Die ersten drei Monate lebte Lola Amba bei einer Gastfamilie in Frickenhausen, die letzten drei Monate ihres Aufenthalts ist sie bei einer Familie in Großbettlingen. So sei es für sie möglich, die gesamten sechs Monate ihres Aufenthalts die deutsche Kultur und das Leben hier so nah wie möglich zu erleben, sagt Retno Gröppel. Die Frau von Manfred Gröppel ist ebenfalls im Arbeitskreis aktiv und ebenfalls gebürtige Indonesierin. Das Interview übersetzt sie teilweise, aber Lola kann auch einige Fragen auf Deutsch beantworten: „Ich war vier Wochen in einem Deutschkurs.“

Der Glaube ist für die Lehramtsanwärterin ein großer Teil ihres Lebens. In ihrer Heimatstadt Palopo leitet sie eine christliche Jugendgruppe und ist in der Kinderkirche aktiv. Doch das Leben als Christ kann im muslimisch geprägten Staat schwer sein. „Im Alltag leben wir friedlich miteinander“, sagt Amba. Aber wenn ein Christ studieren oder Beamter werden möchte, komme plötzlich die Religion zur Sprache.

Der Glaube spielt für die junge Indonesierin eine große Rolle

„Es ist nicht immer einfach“, gesteht die junge Frau. „Wir sind das von Anfang an gewohnt und dabei spielt unser Glaube eine große Rolle: Er gibt uns Kraft und lehrt uns Nächstenliebe.“ Im Unterschied zum Islam werde den Christen gelehrt: „Wir sind anders, aber wir sind deswegen nicht schlecht.“

Dass die Deutschen nicht gerne über ihren Glauben reden, war für Lola Amba anfangs merkwürdig. „In Indonesien leben wir den Glauben nach außen.“ Die Gottesdienste seien gut besucht und oft fänden sogar Hausgottesdienste statt, weil in den Kirchen kein Platz mehr frei sei.

Trotzdem gefällt es ihr, hier zu leben: „Bisher waren alle Menschen, die ich getroffen habe, nett zu mir und wollten etwas über mein Leben und meine Kultur lernen.“ Die Sprache spiele dabei meist keine Rolle. „Nur im Kindergarten hat einmal ein Kind zu mir gesagt: Lola, du bist in Deutschland, hier musst du Deutsch sprechen.“

Zu ihrem Aufenthalt im Kirchenbezirk gehört für Lola Amba auch die Arbeit: Bisher hat sie im Jugendkreis in Neuffen und im Frickenhäuser Kindergarten gearbeitet. Auch um demenzkranke Menschen hat sie sich gekümmert: „Wir haben gesungen, Kaffee getrunken und Kuchen gegessen und gemeinsam Gymnastikübungen gemacht.“ Als Nächstes wird sie im Dr.-Vöhringer-Heim in Oberensingen, im Diakonieladen, bei der Behinderten-Förderung Linsenhofen und im Konfirmanden-Camp mithelfen.

„Gerne würde ich noch Heidelberg sehen“, sagt die 23-Jährige. „Und Dortmund.“ Letzteres geht für sie in Erfüllung, wenn sie im Juni zum Kirchentag fährt. Aber warum gerade Dortmund? „Meine Familie hat gesagt, ich soll dort hin“, so Amba. In Südsulawesi ist der BVB Dortmund nämlich genauso bekannt wie der FC Bayern München.

Wenn Lola Amba Ende Juli zurück nach Indonesien fliegt, tut sie das mit einem lachenden und einem weinenden Auge: „Ich freue mich auf meine Familie, aber das Leben und die Menschen hier werden mir fehlen.“

Für die Zukunft hat sich die Studentin etwas vorgenommen: Sie möchte ihre Erfahrungen mit Freunden und Familie teilen und versuchen, einige typisch deutsche Dinge in ihrer Heimat umzusetzen. „Bei uns sind immer alle unpünktlich, das ist schrecklich“, sagt sie. Und nachdem sie ihr Studium abgeschlossen hat, hofft sie, wieder nach Deutschland zu kommen: „Ich möchte die Sprache besser lernen und vielleicht hier weiterstudieren oder zumindest meine neuen Freunde besuchen.“