Mahnwache in Wendlingen zum Tag des Flüchtlings

Evangelische Kirchengemeinde Wendlingen rief zur Mahnwache zum „Tag des Flüchtlings“ auf dem Saint-Leu-la-Forêt-Platz auf

Schiffe retten Menschen aus Seenot: Gelbe Schiffe falteten Teilnehmer der Mahnwache am Freitagabend vor dem Rathaus. Die Schiffe wurden zu einer langen Kette zusammengebunden. Sie soll auf die Tragödie im Mittelmeer hinweisen und symbolisch Solidarität und Verbundenheit mit den Geflüchteten demonstrieren. Unser Foto zeigt die Redner der Mahnwache und Pfarrer: (von links) Diakonin Bärbel Greiler-Unrath, Bürgermeister Steffen Weigel, die Pfarrer Paul-Bernhard Elwert, Hans-Peter Moser, Peter Brändle sowie Marianne Nieber. Foto: Kiedaisch

 05.10.2020 05:30, Von Gaby Kiedaisch

Jeder kennt die Bilder des abgebrannten Flüchtlingslagers auf Lesbos, jeder kennt die Bilder von Flüchtlingen in Seenot. Was tut Europa dagegen? Was die Politik? Was tun wir selbst? Mit der Mahnwache am Freitag setzte die Evangelische Kirchengemeinde ein Zeichen für mehr Menschlichkeit und gegen das Zusehen dabei, wie Geflüchtete tausendfach im Mittelmeer ertrinken.

WENDLINGEN. Pfarrer Peter Brändle rief dazu auf, „nicht wegzuschauen, wenn jeden Tag Menschen, die auf der Flucht sind, ohne Perspektive zu Hause, in dem Meer ertrinken, an dem viele von uns schon wunderbare Urlaubswochen verbracht haben“. Brändle zog ein Gleichnis zwischen Flüchtlingen und einem Verletzten auf der Straße. „Wer sich nicht um Rettung und Hilfe bemüht, begeht eine Straftat wegen unterlassener Hilfeleistung.“ Aber im Mittelmeer vor den Außengrenzen Europas und in den Lagern auf Lesbos scheine das alles nicht mehr zu gelten. Für ihn ist das „ein Skandal“. Er forderte dazu auf, dass jeder seine Stimme erheben und einen anderen Umgang fordern solle als das, was die Europäische Union jetzt als Kompromiss formuliert habe. Mit dem Motto der Mahnwache ausgedrückt: „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“

Dem stimmten unter Beifall auch die etwa 40 Personen zu, die dem Aufruf der evangelischen Kirchengemeinde Wendlingen in aller Kürze am Freitagabend zur Mahnwache auf den St.-Leu-la-Forêt-Platz gefolgt waren.

Die Gemeindediakonin Bärbel Greiler-Unrath erinnerte in ihrer Rede auf der Rathaustreppe an das Bündnis „United4Rescue – Gemeinsam retten“. Als Idee auf dem evangelischen Kirchentag im vergangenen Jahr geboren, ist die „Sea-Watch 4“ unter kirchlicher Flagge im Mittelmeer in Sachen Rettung unterwegs. Mittlerweile sind 635 Organisationen dem Bündnis beigetreten, darunter Städte und Gemeinden, Sportvereine, Rechtsanwälte, eine Cola-Fabrik, ein Eishersteller, Asyl-Arbeitskreise, Jugendorganisationen, Musikvereine und auch die evangelische Kirchengemeinde Wendlingen hat sich dem Bündnis angeschlossen, „in der Hoffnung, dass es uns noch viele gleichtun“, regte die Diakonin zum Beitritt an. „Wir alle stehen dafür ein: Menschenrechte und die Menschenwürde sind nicht verhandelbar“, rief sie den Teilnehmern der Mahnwache vor dem Rathaus zu. Leider sieht die Realität anders aus: Die Arbeit der zivilen Seenotrettung auf dem Mittelmeer wird durch Behördenwillkür immer wieder torpediert und sogar kriminalisiert. Dies muss, nach den Worten der Gemeindediakonin, ein Ende haben.

„Wir haben als Christen eine Mitverantwortung“

Dass Flucht und Integration kein ausschließliches Thema des 21. Jahrhunderts ist, sondern bereits in der Bibel thematisiert wurde, darauf wies Pfarrer Paul-Bernhard Elwert in seiner Rede hin. Wie wir mit Fremden und dem Fremdsein umgehen sei eine der zentralen Botschaften in der Bibel, rief er allen in Erinnerung. „Menschenwürde, Solidarität, Menschenrechte“ – diese Werte sollten wir ernst nehmen und in unserem Alltag leben.

Marianne Nieber, aus Sassnitz auf Rügen, berichtete über die Flüchtlingsarbeit in ihrer Gemeinde und an das Seenotrettungsschiff im Hafen, das immer wieder zum Einsatz komme. „Seenotrettung nur da, wo wir es meinen? Oder egal wo auf der Welt?“ Als Christen sollte es für uns ein Selbstverständnis sein, dass wir anderen helfen und Fremde freundlich aufnehmen, so ihr Appell.

Eine bemerkenswerte Rede hielt Bürgermeister Weigel: „Ich stehe hier heute als Christ und schäme mich“, waren dessen Worte. Er schäme sich, „weil wir das Gebot der Nächstenliebe nicht mehr beachten“, hielt er den Spiegel vor. Denn der Nächste sei eben auch der Mensch aus Syrien, aus dem Irak oder aus Gambia. Nächstenliebe frage auch nicht, aus welchem Grund Menschen auf der Flucht seien. Es gehe nicht darum „alle“ aufnehmen zu müssen. Es gehe darum, überhaupt einen Akt der Nächstenliebe zu zeigen.

„Ich stehe hier als Europäer und schäme mich“, richtete Steffen Weigel sein Augenmerk auf die „Idee Europas“, die von vielen Ländern in der EU mit Füßen getreten werde: angefangen bei der Freiheit, bei der Solidarität mit Ländern an den Außengrenzen, bei der Pflicht zur Humanität. Die Europäische Union, die vor acht Jahren den Friedensnobelpreis für ihren Einsatz für Frieden, Versöhnung, Demokratie und Menschenrechte erhalten habe, habe sich dieses Preises nicht würdig gezeigt, sagte Weigel. „Gerade jetzt muss Europa ein Bollwerk der Demokratie, der Freiheit und der Menschlichkeit sein, da die USA, die über Jahrzehnte der Garant für diese Werte waren, zum Totalausfall geworden sind.“