Ein musikalischer Abschiedsgruß

Nürtinger Orgelkonzert mit Werken von Rheinberger: Noch einmal leitete das Nürtinger Kantoren-Ehepaar die Kantorei

Jubelstimmung am Schluss: Angelika Rau-Culo und Michael Culo inmitten der Sänger der Kantorei. Foto: Lau

03.07.2019, Von Udo Klebes

NÜRTINGEN. Die Nachricht vom Weggang des Nürtinger Kantorenpaars Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo hat in der Kirchengemeinde und sicher auch bei vielen regelmäßigen Besuchern von auswärts große Betroffenheit ausgelöst. Auch wenn den meisten wohl klar gewesen sein dürfte, dass das Paar im besten Alter aufgrund seiner nicht alltäglichen künstlerischen Energie und hoch qualifiziertem musikalischem Können Nürtingen nicht als ihr Endziel betrachtet haben, kam die Meldung vom recht kurzfristigen Wechsel ab Herbst an eine Kirchenmusikdirektionsstelle im niedersächsischen Hildesheim doch überraschend.

So wurde dieses Werken von Josef Gabriel Rheinberger gewidmete Programm im Rahmen der Nürtinger Orgelkonzerte am Samstag unversehens zum musikalischen Abschiedsgruß, bei dem sich die beiden Kantoren den Platz am Dirigentenpult und an der Orgel abwechselnd teilten. Obendrein konnte sich die Nürtinger Kantorei diesmal auf der Empore vor der Orgel positioniert akustisch vorteilhafter als sonst präsentieren.

Rheinberger gehört zu jenen Komponisten, deren Erfolg zu Lebzeiten ihren Tod nicht allzu lange überdauert haben und von dem heute nur noch als Lehrer berühmter Schüler wie unter anderem Max Bruch, Engelbert Humperdinck, Richard Strauss und Wilhelm Furtwängler die Rede ist.

Dabei hat der 1839 im liechtensteinischen Vaduz als Gabriel Josef geborene, bereits mit zwölf Jahren ans Konservatorium nach München übersiedelte und dort sein ganzes weiteres Leben als Professor für Orgel und Komposition an der Musikakademie verbracht habende Tonsetzer ein umfangreiches Schaffen weltlicher und geistlicher Provenienz von der Kammermusik, über Sinfonisches, Chor- und Liedliteratur bis zur Oper hinterlassen.

Gründe für seine Abstinenz im Musikgeschehen seit dem Ersten Weltkrieg mögen in der Tatsache liegen, dass er als Repräsentant eines Klassizismus am Ende der klassisch-romantischen Epoche zwar seinen bedeutenden Vorbildern Bach und Beethoven treu gefolgt war, aber letztlich stilistisch nichts Neues eingebracht hat, und seine kirchlichen Vokalwerke von den vorherrschenden Cäcilianern mit ihrem vehement vertretenen A-cappella-Stil angefeindet wurden.

Bei der Begegnung mit einigen von Rheinbergers Motetten, die hier zwischen die einzelnen Teile seiner a-Moll-Messe eingebettet waren, stellte sich heraus, welcher Hinzugewinn die begleitende Orgel für den Chor bedeutet. Zum einen eine schlichte, aber doch markante Unterlegung von Streicher und Bläser ersetzenden Registern, zum anderen eine hilfreiche Unterstützung für die Linienführung der Choristen.

Auch in der Kürze liegt die Würze, ließe sich zu den äußerst knapp ohne größere Textwiederholungen auskommenden Stücken bemerken. So bleiben neben der zentralen Messe auch die ebenfalls in lateinischer Sprache gehaltenen kurzen Motetten „Eripe me“, „Tribulationes“, „Dextera Domini“ und „Confitebor“ auf das Wesentliche ohne Ausschmückungen oder sonderliche Akzente beziehungsweise herausragende Momente begrenzt.

Atmosphärische Begleitstimmung und berührende Sanftheit

Die Stimmführung ist klar und meist auf alle Stimmgruppen unisono bezogen, nur an wenigen Stellen sind die Stimmgruppen-Einsätze versetzt oder der Auftakt durch eine Solostimme hervorgehoben.

Das Credo der Messe fließt mehr als dass es aufrüttelt, und doch lässt so manche kleine melodische Zelle oder ein durchführendes Motiv aufhorchen. Im Agnus Dei reiht sich Rheinberger mit atmosphärischer Begleitstimmung und berührender Sanftheit durchaus würdig in die Reihe von Komponistenkollegen ein, das Lamm Gottes scheint von allen Messeteilen in der Musikgeschichte zur größten Inspiration heraus gefordert zu haben.

Die Nürtinger Kantorei durfte sich nach einigen großen Brocken des geistlichen Chor-Repertoires zur Abwechslung nun auf etwas bescheidenere Felder begeben und dabei dennoch seine ganzen Vorzüge, die im Laufe des zehnjährigen Wirkens des scheidenden Kantorenpaares von Mal zu Mal annähernd professionellen Standard erreicht haben, ausspielen.

Dazu gehörten auch jetzt wieder eine runde, saubere, auch zum Schweben fähige Tongebung, eine einmütige Präsenz aller Stimmgruppen (wobei die Tenöre und Bässe am meisten von der klanglichen Entfaltung aus der Höhe in den Kirchenraum profitierten), dynamische Flexibilität und eine geschliffene Artikulation.

Wenn denn mal doch eine kurze Konzentrationsschwäche eintritt, wird dies durch jahrelange Erfahrung und mit Hilfe vom Dirigentenpult schnell aufgefangen.

Außer dem mitreißenden Kraftzentrum der Hingabe und Willenskraft ihrer beiden Leiter darf auch diesmal die einflussreiche Mitwirkung von Stimmbildnerin Lydia Kucht nicht unterschlagen werden.

Obendrein verabschiedete sich Angelika Rau-Čulo neben ihrem emsigen Einsatz als Chorleiterin noch als Organistin von aufhorchen lassender gestalterischer Größe. In Teilen aus drei der 20 Orgelsonaten Rheinbergers, die im Übrigen mehr für den Konzertsaal als für die Kirche bestimmt waren, machte sie hörbar, worin vielleicht doch das größte Talent des 1901 in seiner langjährigen Wirkungsstätte verstorbenen Tonschöpfers bestand: in der dichten Übertragung orchestraler Farben auf die registerreiche Königin der Instrumente.

Das Ende einer außergewöhnlichen Ära

Dazu kommen hier noch einige einprägsame melodische Eingebungen wie zum Beispiel im Seitenthema der das Konzert eröffnenden Sonate Nr. 11 d-Moll op. 148 eine kunstvolle thematische Verarbeitung in der Passacaglia aus Nr. 8 e-Moll op. 132 oder einige mächtig tiefe Figuren im ganz tiefen Bass-Bereich in Nr. 5 Fis-Dur op. 111.

Zuletzt herrschte Jubelstimmung, Dankbarkeit und sicher auch die eine oder andere Träne im Wissen, dass hiermit eine außergewöhnliche Ära der Nürtinger Kirchenmusik zu Ende gegangen war.