„In Neckarhausen gibt es keinen Graben“

Auf dem Podium sprachen von rechts Ahmed Juma, Christina Neumann, Bernd Schwartz, Christine Hasart, Eberhard Haußmann, Sven Noack und Evi Handke. Foto: Holzwarth

Bezirkskirchentag: Bei einer Podiumsdiskussion wurde die Frage gestellt, wie Integration gelingen kann

Nürtinger Zeitung - Andreas Warausch

 

Gut ist es, wenn im anhaltenden Prozess eine Bestandsaufnahme gemacht wird. Die zurückschaut. Aber freilich auch nach vorne blickt. Am Donnerstag nun saßen sechs Beteiligte auf dem Podium im Gemeindehaus zusammen. Unter der Moderation von Evi Handke, die beim Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen für den Fachbereich Flucht und Migration zuständig ist, ging es um die Frage, ob die Integration von Geflüchteten gelingt.
Gut ist es auch, wenn man nicht nur über Geflüchtete spricht, sondern diese selbst zu Wort kommen lässt. An diesem Abend übernahm diesen Part ein junger Mann aus Syrien – in erstaunlichst gutem Deutsch. Ahmed Juma war 2014 nach Neckarhausen gekommen und lebte hier drei Jahre, bevor er mit seiner Frau und seinem Kind nach Kirchheim zog. Jetzt studiert er Chemie.
Wie war das Ankommen? In einer schwäbischen Kleinstadt? Gut. Anfangs. Dann aber kamen die vielen Flüchtlinge. „Dann war es anders“, sagt Juma. Jetzt wollte auf der Straße eher keiner mehr etwas mit den Schwarzhaarigen zu tun haben. Juma schilderte, wie nett und wichtig die Ehrenamtlichen zu ihm waren. Und wie wichtig und doch so unendlich schwer die Sprache ist.
Doch Juma blickte auch zurück auf seine Flucht. Ein nicht überholtes Detail seiner Geschichte. Wichtig für alle die glauben, ein Mensch flüchte eben mal nur so hierher, um dem Sozialstaat auf der Tasche zu liegen. Die Flucht war dominiert von Angst. Juma: „Keine Urlaubsreise.“ Neun Monate war er unterwegs. Über die Türkei. Mit dem Boot nach Griechenland. Auf eine Insel. 20 Tage in Haft. Nach Athen. Kein Weiterflug nach Italien. Kein Landweg über Mazedonien – im Winter bei minus 23 Grad. Auf der Achse eines Lkw ging es dann doch auf ein Schiff nach Italien. Der Trip als blinder Passagier funktionierte erst auf den zweiten Versuch. Dann Deutschland. Karlsruhe. Und schließlich Neckarhausen.
Hier war Ortsvorsteher Bernd Schwartz „nah dran an den Menschen“, sagte Moderatorin Handke. Das Miteinander habe schnell sehr gut funktioniert, erinnert er sich. Hinsichtlich der Unterkünfte sei Neckarhausen der „Nürtinger Musterschüler“ gewesen. Unter anderem habe man die Unterkunft in der Brückenstraße offensiv thematisiert und sich aktiv den Aufgaben gestellt. Wobei er sagt, dass der Beitrag der Verwaltung neben dem der „Nachbarn“, der Ehrenamtlichen, der kleinste gewesen sei. Es habe nicht nur ein Nebeneinander gegeben, sondern in großen Teilen ein Miteinander. Schwartz unterstrich: Einen Graben zwischen sich abschottenden und offenen Menschen habe es in Neckarhausen nicht gegeben. Die Diskussionen um die Flüchtlingsunterkünfte im Ort seien hier auf einem ganz anderen Niveau geführt worden als zum Beispiel in Reudern oder im Roßdorf.
Zum Miteinander trug auch Sven Noack bei. Ein Machertyp. Selfmade im besten Sinne. Unternehmer. Und im TBN-Vorstand. Er stellte den Integrationskick von Flüchtlingen und Unternehmern auf die Beine. Sorgte für die Ausrüstung. Er vermittelt Praktika. Jobs. Geht mit den Flüchtlingen zum Jobcenter. Noack: „Wer was erreichen will, muss richtig Gas geben.“ Braucht aber auch eine Chance dazu. So wie der Flüchtling mit schlechten Sprachkenntnissen. Mit nur zwei Jahren Schule in der Heimat. Noack hat ihm dennoch einen Job als Küchenhilfe in einem guten Stuttgarter Restaurant vermittelt. Ein Buch gab’s für den jobspezifischen Wortschatz. Er gab wirklich Gas – jetzt soll er dort sogar Koch lernen. Noack: „Man kann auch für die ganz Schwachen etwas tun.“
Ganz nah dran am Leben Geflüchteter ist freilich Christine Hasart. Die Sozialarbeiterin betreut die Unterkunft in der Alten Schule. Das Leben in einer Großunterkunft sei nicht einfach, die Menschen sehnten sich nach Privatheit. Den Alltag zu meistern sei ebenfalls nicht einfach, wenn Meldungen über das Bombardement der Heimat und vom Tod der Verwandten eintreffen.

Auch die Erwartungen der Einheimischen sind groß

Schwer sei es für viele, die Sprache zu lernen, wenn man sich erst Buchstaben erarbeiten müsse. Dabei seien auch die Erwartungen der Einheimischen groß. Brauche jeder von denen ein Smartphone? Klar, das ist die einzige Verbindungen nach Hause. Und warum sind die Rollladen tagsüber unten? Weil alle faul sind? Nein. Der Rhythmus in der arabischen Welt sei anders, die Flucht tut ihr Übriges. An vieles müssten sie sich gewöhnen. Es brauche Geduld. Von beiden Seiten. Und: Es gebe nicht nur Erfolgsgeschichten. Hasart: „Viele schaffen es nicht auf den ersten Arbeitsmarkt.“ Die sprachlichen Anforderungen für das duale Ausbildungssystem sind zu hart. Vielleicht aber gebe es unter diesen sprachlich Schwachen dennoch gute Handwerker. Für die alten Hilfsarbeiterjobs, unter Anleitung.
Von Schwierigkeiten für Geflüchtete weiß natürlich auch Christina Neumann zu berichten, die sich in der Unterkunft Brückenstraße engagiert. Die Rollladen blieben manchmal unten, weil Fluchterfahrungen die Menschen nachts nicht schlafen ließen, wirbt sie für Verständnis. Fragen nach der Zukunft trieben die Menschen um. Einer Zukunft in einer unvertrauten Kultur.
Die Anforderungen für die Ehrenamtlichen hätten sich geändert. Statt arabischen Menschen sind nun Menschen aus Indien, Somalia, der Türkei und dem Irak da. Die Begegnungen seien schwieriger geworden. Es brauche Mut, aufeinander zuzugehen.
Eine Begegnung mit Toleranz und Respekt forderte auch Eberhard Haußmann, der Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands Esslingen. Ein für ihn wichtiger Problemkreis: bezahlbarer Wohnraum. Mietobergrenzen funktionierten nicht. Das sei eine Katastrophe. Und auch er glaubt, dass das Thema Hartz IV die Lebensbiografie vieler Geflüchteter durchziehen werde. Weshalb er ein Recht auf Arbeit und neue Formen von Arbeit mit einem Sockel, von dem man leben könne, fordert. Die evangelische Landeskirche, so Haußmann auf Nachfrage, habe schnell und engagiert geholfen. Kirche könne Brücken bauen, auch einmal mit leiseren Tönen, die tiefer klängen.
Nach den Statements ging es in die Diskussionsrunde mit dem Publikum. Da ging es auch um veränderte Anforderungen und Problemlagen für die Ehrenamtlichen. Um die Menschen, die hier sind und kein Asyl bekommen (werden). Um den Umgang mit diesen Problemen und den rauen Ton in Politik und Gesellschaft. Rau war der Ton in Neckarhausen natürlich nicht. Sondern sachlich. Und menschlich. Das könnte, sollte abfärben. Ein Scherflein trug der Nürtinger Musiker Yan Mushegera mit seinen drei Songs bei, mit denen er absolut den richtigen Ton traf.