„Prostitution ist ein eiskaltes Geschäft“

Neues Projekt „Rahab“ des Diakonieverbandes bietet Menschen aus dem Milieu Unterstützung und Beratung

Beraterin Rebekka Gärtner, Projektleiterin Maria Neuscheler, Kreisgeschäftsführer Eberhard Haußmann und Beraterin Olivia von der Dellen (von links) mit einer Karte mit bekannten Bordellen und Laufhäusern im Landkreis Esslingen Foto: zog

Nürtinger Zeitung: Nicole Mohn

Wer als Prostituierte arbeitet, hat weder eine Lobby noch Unterstützung. In einem Gewerbe, in dem es knallhart ums Geldverdienen geht, ist die Not der Frauen groß. Gewalt und Zwang sind an der Tagesordnung. Und Corona hat viel dazu beigetragen, dass diese Not weiter wächst. Mit seinem neuen, kreisweiten Projekt „Rahab“ will der Kreisdiakonieverband Menschen in der Prostitution Unterstützung bieten.

Das älteste Gewerbe der Welt ist stark vertreten in der Region. Die Landesmesse und der Flughafen machen den Landkreis Esslingen zu einem lukrativen Standort. Neben den beiden großen Bordellen, dem „Laufhaus“ und dem „Paradise“, gibt es etliche kleinere Betriebe – auch in Nürtingen und in Kirchheim. Rund 200 Prostituierte sind allein dort tätig, schätzt Maria Neuscheler, Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle in Nürtingen und Projektleiterin von „Rahab“.

Das jedoch dürfte allenfalls die Spitze des Eisberges sein: „Die Dunkelziffer ist extrem hoch und nicht nennbar“, meint sie. Legt man die Erfahrungen aus der Landeshauptstadt zu Grunde, dürften es an die 2000 Menschen sein, die im Kreisgebiet Sex gegen Geld bieten.

Vielen von ihnen geht es schlecht. „Prostitution ist ein eiskaltes Geschäft“, sagt Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbandes im Landkreis Esslingen. Schon lange brennt ihm deshalb die Einrichtung einer Beratungsstelle für Menschen in Prostitution unter den Nägeln. Denn die Situation der Frauen in der Prostitution ist oft desolat: Viele der Frauen sind nicht freiwillig hier, werden mit Versprechungen nach Deutschland gelockt, um dann von Bordell zu Bordell herumgereicht zu werden. Viele sprechen kaum oder nur gebrochen Deutsch. Etliche stehen unter Zwang oder leben in Abhängigkeit von ihrem Zuhälter, erleben regelmäßig Gewalt und Ausnutzung.

So wie Kim. Olivia von der Dellen hat die junge Rumänin kennengelernt. Sie ist eine der ersten Frauen, um die sich die Beraterin von „Rahab“ gekümmert hat. Mit 13 ist Kim verheiratet worden. Nach dem Tod des Mannes kam die Rumänin nach Deutschland ins Bordell. Inzwischen ist Kim eine junge Frau und Mutter. Das Kleine keine zwei Jahre alt, der Vater sitzt im Knast. Kim arbeitet als Prostituierte, meist sieben Tage die Woche. Vom Geld ernährt sie nicht nur sich und ihr kleines Kind, sondern muss auch Geld nach Rumänien schicken. „Die Familie erwartet Unterstützung von ihr“, erzählt Olivia von der Dellen.

Unterstützen und Brücken schlagen

Durch Corona kann Kim nicht mehr arbeiten, verdient kein Geld mehr. Über Umwege nahm die junge Mutter Kontakt zu „Rahab“ auf. Im ersten Schritt hat die Projektmitarbeiterin mit ihr erst einmal Gespräche geführt, ist mit ihr spazieren oder einen Kaffee trinken gegangen – Vertrauen aufbauen eben. „Ein typisches Beratungssetting gibt es bei uns nicht“, sagt Olivia von der Dellen. Niederschwellig, offen und wertschätzend gehen die Beraterinnen auf die Hilfesuchenden zu, besuchen sie. Und hören dann vor allem erst einmal zu.

Die Problemfelder, mit denen sie es zu tun bekommen, sind völlig unterschiedlich. Es gebe Suchtproblematiken, einige der Frauen brauchen psychologische Unterstützung, leiden unter Depersonalisation. Es gebe auch viele körperliche Probleme, die im Zusammenhang mit der jahrelangen Arbeit als Prostituierte einhergehen. „Wir haben viel mit Fachärzten zu tun“, berichtet die zweite Beraterin im Team, Rebekka Gärtner. Bei Bedarf begleiten die Rahab-Mitarbeiterinnen auf Behördengänge, vermitteln weitergehende Hilfen und besorgen wenn nötig auch mal einen Dolmetscher. Sie klären rechtlich auf, dass Zuhälterei und Gewalt Straftaten sind zum Beispiel.

Manchmal sind es aber auch kleine Dinge, bei denen die Berater behilflich sind, wie bei der Suche nach einem Kita-Platz oder beim Ausfüllen einer Banküberweisung. Wer will, den unterstützen die Beraterinnen beim Ausstieg aus dem Milieu. Darauf zielt das Projekt, das nach der Prostituierten aus dem Alten Testament benannt wurde, aber ganz bewusst nicht alleinig ab. Das, befürchtet Haußmann, könnte den Mitarbeiterinnen den Zugang zu den Häusern verbauen – und damit zu den Frauen in Not. Vielmehr wolle man unterstützen und „Brücken schlagen in die normale Welt“, wie es Maria Neuscheler formuliert.

Denn der Ausstieg, der ist eine schwere Sache, sagt Olivia von der Dellen. Die Frauen lebten in einer ganz eigenen Welt, bewegten sich in den bekannten Strukturen des Milieus. Die Welt außerhalb ist ihnen hingegen fremd. Die wenigen Kontakte, die sie haben, sind meist zu anderen Prostituierten.

Der Bedarf an Hilfe ist groß, das spüren Maria Neuscheler und ihr Team schon in den ersten Wochen von „Rahab“. „Corona hat die Probleme und die Not noch verschlimmert“, berichten sie. Dabei befindet sich das Projekt eigentlich noch in der Startphase, erklärt Haußmann: „Wir haben aber wegen der Dringlichkeit unsere Beratungsarbeit schon jetzt aufgenommen.“

In den kommenden Wochen wollen die drei Frauen sich neben den Beratungen vor allem in der Netzwerkarbeit engagieren. Enge Kontakte zum Jobcenter, zu Beratungsstellen, Sozialdiensten oder auch der Polizei brauchen sie, um die Menschen in der Prostitution unterstützen zu können und die Anlaufstelle zu etablieren. Beistand bekommt das Diakonieprojekt zudem von etablierten Fachberatungen in Baden-Württemberg. Die Mitarbeiterinnen stehen im engen Kontakt zu Projekten wie „Amelie“ in Mannheim oder „P.I.N.K“ in Freiburg und profitieren von deren Erfahrungen.

Im Oktober, kündigt Haußmann an, wird es in Leinfelden-Echterdingen eine Fachveranstaltung geben. Darüber hinaus ist geplant, eine Schutzwohnung einzurichten, in der Frauen beim Ausstieg oder auch bei Gewalt Unterschlupf finden können. „Die Frauenhäuser nehmen diese Frauen nicht auf“, so der Kreis-Geschäftsführer. Finanziert wird das Projekt aus Zuschüssen der Deutschen Fernsehlotterie. 80 Prozent der Personalkosten sind – zunächst auf drei Jahre – von dieser Seite gedeckt. Die restlichen 20 Prozent sowie die Kosten für die Projektleitung und die Fahrtkosten trägt der Kreisdiakonieverband. Haußmann rechnet aber damit, dass das Projekt auf Dauer angelegt ist. Sein Appell geht deshalb auch an die Politik: „Wir brauchen eine Fachberatungsstelle im Landkreis, wir brauchen Schutzwohnungen“, fordert er.

Wer Kontakt zu den Mitarbeiterinnen bei „Rahab“ aufnehmen möchte, kann dies unter der Telefonnummer (01 57) 34 59 99 76 und (01 57) 34 59 99 79 sowie per E-Mail an Rahab@kdv.es.de tun. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und auf Wunsch auch anonym.