Voll dunkler Trauer über Gewalt und Tod

Nürtinger Kantorei führt mit Gästen Dietrich Lohffs „Requiem für einen polnischen Jungen“ als Mahnmal wider das Vergessen auf

Die Nürtinger Kantorei wurde am Sonntag unter anderem unterstützt von der bayerischen Kammerphilharmonie und den Solisten Renée Morloc und Johannes Rempp. Foto: Jüptner

13.11.2018, Von Cornelia Krause


NÜRTINGEN. Zum Gedenken an die Reichspogromnacht im Jahr 1938 wurde am Sonntagabend das „Requiem für einen polnischen Jungen“ des deutschen Komponisten Dietrich Lohff (1941-2016) in der Stadtkirche Sankt Laurentius aufgeführt.

Lohff schrieb das Werk nach Texten von Opfern des Faschismus in den Jahren 1996/97. Es ist sein bekanntestes Werk und wurde im November 1998 zeitgleich in sechs deutschen Städten uraufgeführt, Teile daraus erklangen im Jahr darauf im Deutschen Bundestag. Zufällig stieß Lohff auf die – nur noch antiquarisch erhältliche – Gedichtsammlung von Opfern des Faschismus. Die eindringlichen Texte ordneten sich für ihn sofort in den Verlauf eines Requiems ein.

Lohff gliederte das Werk in insgesamt acht Sätze, in denen er die Gedichte fast vergessener Zeitzeugen und Opfer vertonte. Bei der Aufführung am Sonntag wurde die groß aufgestellte Nürtinger Kantorei von der bayerischen Kammerphilharmonie unterstützt. Die Sopranistin Renée Morloc und der Knabensopran Johannes Rempp sowie Angelika Rau-Čulo an der großen Orgel vervollständigten die Besetzung. Die Gesamtleitung lag in den Händen von Bezirkskantor Michael Čulo.

Der dunkle Klang des Orchesters ließ gleich zu Beginn aufhorchen. Lohff verzichtet in seiner Besetzung auf die Violinen. Bratschen, Celli und Kontrabässen im Streicherbereich stehen auch bei den Bläsern die dunklen Instrumente gegenüber. Statt der leuchtenden Oboe ist zum Beispiel das Englischhorn besetzt. Im „Totengebet“ des ersten Satzes entwickelt sich aus nur einem Ton die klagende Melodie, angeführt vom Englischhorn, dann aufgenommen von den Streichern. Glockenklänge und kurze militärische Trommeln entwerfen ein düsteres, bedrohliches Bild.

Schlicht und sehr gut verständlich singt die Kantorei die einzelnen Verse, stets von einem Orchesterzwischenspiel unterbrochen. Den Schluss übernimmt die große Orgel. Mit „Du Licht“ wird Beistand von Gott erhofft. Im „Schlaflied für Daniel“, direkt nach Kriegsende von Siegfried Einstein geschrieben, erzählt eine Mutter ihrem Sohn nachts im Zug von Auschwitz. Sie ermahnt ihn, nicht zu schlafen, beklagt aber gleichzeitig, dass niemand der Zeitgenossen „aufgewacht“ ist. Sie warnt vor dem Verdrängen und Vergessen der schrecklichen Ereignisse.

Die Mezzosopranistin Renée Morloc singt mit großer Inbrunst. Ihre warme Stimme geht zu Herzen, mit großer Eindringlichkeit interpretiert sie den schaurigen Text. Große Unruhe geht vom Orchester aus. Das monotone Rattern des Zuges wird durch sich ständig wiederholende Tonleitermotive dargestellt. Die Stimmung wirkt bedrohlich, sie erzeugt beim Zuhören Unbehagen und Angst.

Im „Sonett von der endgültigen Frage“ singt der Chor von der Schönheit der Erde, bevor die Mezzosopranistin die Idylle jäh beendet. Sie beschreibt das Bild eines Gehängten im Baum. Die Schilderung der Szene ist von direkter, unerträglicher Grausamkeit, die Musik dazu klingt schrill und dissonant, der Gesang fast schreiend.

An zentraler Stelle im Requiem erklingt das „Poem“, 1941 von Selma Meerbaum-Eisinger verfasst. Der 2005 geborene, schon jetzt mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Knabensopran Johannes Rempp singt dieses Lied eines Kindes, das leben, lieben, den Himmel mit Händen fassen und nicht sterben will, mit solcher Inbrunst, dass man als Zuhörer tiefe Betroffenheit spürt.

Die Kantorei beeindruckte mit herausragendem Chorgesang

Die bayerische Kammerphilharmonie, die das ganze Konzert über mit großer Sensibilität und hervorragenden Bläsersoli und überzeugendem Schlagzeug begleitete, war leider nur bei diesem Satz zu laut und überdeckte den zarten Knabensopran.

Im fünften Satz beeindruckte die Nürtinger Kantorei mit herausragendem Chorgesang. Inhaltlich geht es darum, dass „Euch die Fantasie fehlt“, wozu Menschen fähig sind. Dieser Text malt ein Schreckensszenario (von Martin Gumper bereits 1934 erahnt), das sich später unter den Nationalsozialisten und im Zweiten Weltkrieg bewahrheiten sollte.

Der Chorsatz ist dicht, durch sich nach oben schraubende Sequenzen wird die Stimmung lauter und dramatischer. Durch die dunkle Orchesterfärbung hört man die Chorstimmen klarer als sonst, der Klang schwebt über dem Orchester. Gleichzeitig verweben sich die ganz tiefen Töne der Orgel mit den Kontrabässen zu einer derartigen Klangeinheit, dass wieder eine bedrohliche, angsterfüllte Stimmung eintritt.

Bei der „Elegie auf einen polnischen Jungen“ wird Renée Morloc von Flöte, Klarinette und Horn begleitet. Wehmütige Klänge erinnern an jüdische Klezmermusik und beschwören das Bild eines Ghettos. Auch die „Heimkehr“ aus dem Krieg ist bitter. Alles ist zerstört, die Menschen sind verzweifelt. Der letzte Satz „Ein jüdisch Kind“, noch einmal von Johannes Rempp vorgetragen, geht am meisten zu Herzen. Sehr filigran von Cello und Klarinette begleitet, wird auch hier noch einmal die ganze Sinnlosigkeit des Krieges aufgezeigt. Wie beim „Poem“ stirbt auch hier das Kind zum Schluss.

Das letzte gesungene Wort lautet „stumm“. Es klingt noch lange nach im Kirchenschiff von St. Laurentius. Denn stumm sind auch die Zuhörer. Applaus verbietet sich nach dieser Aufführung von selbst. Lohffs Werk und die Auswahl seiner Texte sind von solch dunkler Trauer über Gewalt und Krieg, dass auch nicht ein Funken Hoffnung auf Frieden und Licht in die Zukunft strahlt. In den Texten geht es um das schlimmste aller Kriegsverbrechen: um das Leiden und Sterben der Kinder. Ohne Kinder gibt es keine Zukunft. Das „Requiem für einen polnischen Jungen“ ist ein Mahnmal wider das Vergessen. Wir leben in einer Zeit, die schon wieder sehr viel vergisst.