Die Seele bekommt Flügel und fliegt weit hinaus

© Eichel

Die Nachtkerzen zeigten ihr drittes Schattentheater-Stück „Der Seelenvogel“ in Oberensingen

Das ist wie im echten Leben. Der Schatten braucht das Licht, damit er wirken kann. Grandios hat das Schattenspiel der „Nachtkerzen“  gewirkt, die aus Anlass des Bezirkskirchentages in Nürtingen, ihr Stück „Der Seelenvogel“ im K20 in Oberensingen aufgeführt haben. Nach der literarischen Vorlage von Michal Snunit   (Autor),  Na'ama Golomb (Illustrator),    Mirjam Pressler (Übersetzerin aus dem Hebräischen) ist ein fantasievolles Stück über die vielen verschiedenen Facetten der menschlichen Seele entstanden. Den 50 Zuschauerinnen und Zuschauern blieb an manchen Stellen nur stummes Staunen übrig.
 Das griechische Wort „Psyche" bedeutet sowohl Seele als auch Schmetterling. Deshalb wird die Psyche oft als „Seelenvogel" mit Schmetterlingsflügeln dargestellt. Dieser Seelenvogel ist im K20 in Oberensingen tatsächlich lebendig geworden. Hinter einer leuchtend weißen Leinwand bewegt sich Michaela Waltner. Sie wird von hinten angeleuchtet und wirft einen schwarzen Schatten auf die Leinwand. Mit runden, ausladenden Bewegungen führt sie ihre Arme, eingehüllt in rubinrote Gaze durch die Luft. Für die Zuschauenden vor der Leinwand fliegt jetzt der Seelenvogel durch das Leben. Staunen im Saal.
Doch der Abend hält noch mehr dieser beeindruckenden Sequenzen bereit. Da haschen Hände nach dem Seelenschmetterling der durch eine Mohnwiese fliegt, oder es wird ein Tautropfen benetztes Spinnennetz fertig gewoben. Dem Team um die Regisseurin Silvana Dürschmied und den Tontechniker Yannick Petzold, ist es auch mit ihrem dritten Schattentheater-Stück gelungen, die Menschen in Bereiche zu entführen, in denen nur noch die Seele spricht und der Verstand schweigt. „Die Seele verlässt uns nicht, solange wir leben“, liest Roswitha Oberländer aus dem Kinderbuch vor, bevor Lichtblitze sinnbildlich für die vielen Seelenfeuer die dunkle Leinwand erhellen. So verkörpert Bild um Bild eins der menschlichen Gefühle. Hass, Wut, Versöhnung, Freude und Leichtigkeit werden fassbar.
„Ich hab darüber nachsinnen können, wie das Leben so war und wie es noch ist“, sagt die 91jährige Anne Höss. Während sie dem Seelenvogel auf seiner Reise durch die menschliche Gefühlswelt folgte, seien vor ihren Augen Bilder ihres eigenen Lebens aufgetaucht. Sie erinnert sich an Trauer, Ohnmacht und auch die Freude, als sie, nachdem sie vom heimatlichen Grund weichen mussten, wieder ein neues Zuhause gefunden haben. „Grad sowas, wie ich damals gefühlt hab‘, ist heute im Stück richtig gut rübergekommen.“ „Vieles, was sonst nur versteckt empfunden und nicht ausgelebt wird, ist im Stück deutlich geworden“, sagt auch Helmut Püschel. Für Elsbeth Renz ist ganz klar, „dass wir Menschen unsere Gefühle ausleben müssen, sonst rumort es innen drin“. Das habe sie verstanden, als das Bild mit den Schubladen gezeigt worden sei, in denen die menschlichen Gefühle, angenehme wie unangenehme stecken.
Doch bis Gabriele Baumann, Cornelia Besser, Marlene Blessing, Lothar Grötzinger, Heidi Grünwedl, Georgios Sokolakis, Michaela Waltner und Roswitha Oberländer, zu Experten für das Schattenspiel geworden sind, war es ein weiter Weg. Angefangen hatte die Gruppe um Regisseurin Silvana Dürschmied und Oktavia Eichel vor fünf Jahren mit den Proben für das Stück „Gewitternacht“ frei nach Michèle Lemieux. Bühnenbild und Ausstattung sind damals wie für das heutige Stück „Seelenvogel“ selbst zusammengebaut. Die Schattentheatergruppe „Nachtkerzen“ aus Oberensingen, zu der ausnahmslos psychisch erkrankte Menschen gehören, zeigt in ihrem Spiel, wie tief die Gründe der menschlichen Seele sind. Sie wagen den Schritt und erzählen ein wenig auch über das, was mit der eigenen Seele geschah. Denn es sind oft schmerzhafte  Brüche oder Traumata, die dazu führen, dass das Leben nicht mehr wie gewohnt gelebt werden kann. Die Schauspieler leben und wohnen teils stationär, teils ambulant in der geschützten Umgebung der Wohnstätte in Oberensingen. Die „Nachtkerzen“ können für Veranstaltungen gebucht werden. Kontakt: Oktavia Eichel, mail: oktavia.eichel@samariterstiftung.de