Wie umgehen mit Schuld und Scham?

Jahrestreffen der Suchtberatung Nürtingen für Teilnehmer der ambulanten Reha

16.10.2018, Von Ulrike Rapp-Hirrlinger


Die Frage nach dem Umgang mit Schuld und Scham stand im Mittelpunkt des 13. Jahrestreffens der Psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtgefährdete und Suchtkranke Nürtingen (PSB) in der Alten Seegrasspinnerei.

NÜRTINGEN. Ehemalige und aktuelle Teilnehmer der ambulanten Sucht-Rehabilitation im Landkreis Esslingen treffen sich einmal im Jahr zu einem ungezwungenen Austausch. „Schuld sein oder nicht sein – das ist hier die Frage“, formulierte Maria Köster-Sommer, die Leiterin der Suchtberatung bei ihrer Begrüßung das Thema, das sich durch den ganzen Nachmittag zog. Sie sprach aber auch davon, welch gute Erfolge die Arbeit der PSB bringt. In den vergangenen Jahren waren demnach 53 Prozent der Absolventen der ambulanten Reha nach einem Jahr noch abstinent. Damit liege die PSB im Bundesdurchschnitt. „Rückfälle müssen aber nicht in Katastrophen münden. Wichtig ist es, sich schnell Hilfe zu holen“, riet Köster-Sommer.

Der Beratungsstellenarzt Dr. Wolfgang Steigleder beleuchtete in seinem Kurzvortrag das Thema Schuld aus verschiedenen Blickwinkeln – von finanziellen Schulden über Schuld im Strafrecht oder Religion und Ethik. Ist, wer krank wird, selbst schuld, fragte er. Steigleder riet dazu, von Verantwortung zu sprechen, die jeder Einzelne tragen müsse, um eine Erkrankung möglichst zu verhindern.

Dr. Isabelle Friedrich, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiterin der ambulanten Reha, erläuterte, wie sich die Teilnehmer auch dort ihren Schuld- und Schamgefühlen stellen müssen. Nur durch Biografiearbeit könne in der Reha herausgefunden werden, welche Schuldgefühle eventuell von Großeltern oder Eltern an die Kinder weitergegeben wurden: „An der Vergangenheit kann man nichts ändern, wohl aber an unserer heutigen Situation.“ Dazu müsse man versuchen, den Ursprung zu identifizieren, warum jemand so und nicht anders geprägt wurde.

Absolventen berichten von ihren Erfahrungen

Wie Betroffene mit dem Thema Schuld und Scham umgehen, wollte Therapeut Gunther Wöllenstein in einer Podiumsdiskussion mit Absolventen der ambulanten Reha wissen, die schon etliche Jahre abstinent sind. Sie alle haben sich intensiv mit der Frage nach Schuld auseinandergesetzt. Rainer H. (alle Namen geändert) betonte: „Wichtig ist es, die Ursache zu kennen, warum man trinkt.“ Er erkannte in der Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld, dass er aus Hilflosigkeit getrunken habe. Er reagiere oft schroff, das tue ihm hinterher leid. Heute sagt er: „Dankbarkeit und Demut gehören zu meinem heutigen Leben, aber auch die Erinnerung daran, wie beschissen mein Leben in meiner nassen Zeit war.“ Sein Glaube habe ihm geholfen, vom Alkohol wegzukommen, und auch heute helfe dieser ihm sehr.

Petra B. unterscheidet zwischen den kleinen Gewissensbissen und den großen Schuldgefühlen, wenn man jemanden verletzt habe: „Am Anfang konnte ich mich denen nicht stellen, aber ich erkannte, dass ich mir selbst gegenüber ehrlich sein muss.“ Sie habe lernen müssen zu akzeptieren, dass sie viele Menschen verletzt habe und das nicht mehr rückgängig machen könne. Aber sie könne sich jetzt anders verhalten.

Inge A. sagt frei heraus: „Die letzte Zeit meines Trinkens war die Hölle. Ich fühlte mich meinem Mann und den Kindern gegenüber so schuldig.“ Sie habe erst in der Reha gelernt, sich selbst zu vergeben. Auch ihre Familie habe sie in der Erkenntnis unterstützt, dass sie krank sei.

Wie wichtig ist es, Vergebung zu erfahren, fragte Gunther Wöllenstein. Vergebung könne auch bedeuten, seine Erfahrungen weiterzugeben und anderen so zu helfen, meinte Jochen S. Er hat die Zeit seines Trinkens ganz anders erlebt als die anderen in der Runde: „Als ich trank, war ich im Paradies. Doch danach konnte ich mit der Schuld nicht umgehen.“ Denn seine Ehe zerbrach durch seine Sucht und heute hat er keinerlei Kontakt zu seinen Kindern. „Meine Schuld ist, was ich durch meine Sauferei meinen Kindern mitgegeben habe“, bekennt er unumwunden. Er sagt aber auch: „Ich darf mir selbst gegenüber Gnade walten lassen, auch wenn ich schuldig geworden bin.“

Gunther Wöllenstein freute sich, dass alle Teilnehmer des Podiums heute sehr offen über ihre Geschichte sprechen könnten und dies als Teil ihrer Genesung ansähen. Von dieser mutigen Offenheit könnten auch die Teilnehmer des Jahrestreffens profitieren. „Ich kenne es aus keinem anderen Bereich, dass man sich so treu über Jahre trifft“, sagte Eberhard Haußmann, der Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands im Landkreis, der gemeinsam mit dem Landkreis Träger der Suchtberatung ist. Er mahnte, in einer Zeit, in der fehlender bezahlbarer Wohnraum oder Altersarmut Menschen in große Not stürzten, müssten bewährte soziale Errungenschaften erhalten werden: „Wir brauchen mehr Miteinander und Verständnis statt Abwertung.“

Kontakt: Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtgefährdete und Suchtkranke, Telefon (0 70 22) 9 32 44-0 oder E-Mail an info@suchtberatung-nuertingen.de.