Entscheidungen in Zeiten von Corona: Talkrunde zum Auftakt der Wendlinger Kulturtage

Talkrunde der evangelischen Kirchengemeinde machte den Auftakt der Wendlinger Kulturtage

Unser Foto zeigt die Talkrunde: von rechts Bürgermeister Weigel, Prälatin Gabriele Arnold, Pfarrer Peter Brändle, Heller-Geschäftsführer Klaus Winkler und Gemeindetagspräsident Roger Kehle. gki

24.06.2020 05:30, Von Gaby Kiedaisch

Nach den Monaten des Corona-Lockdowns sind öffentliche Veranstaltungen noch etwas ungewohnt. Für viele auch kein Grund, zum Alltäglichen zurückzukehren. So war es nicht weiter überraschend, dass zu einer der ersten Veranstaltungen am Montag nicht gleich alle Karten vergriffen waren. Eingeladen hatte die evangelische Kirchengemeinde zur Talkrunde in der Reihe der Wendlinger Kulturtage.

WENDLINGEN. Der Große Saal des Treffpunkts Stadtmitte fasst bei normaler Bestuhlung etwa 500 Personen. Davon war man am Montagabend weit entfernt. Dem Virus waren die Lücken zwischen der Bestuhlung geschuldet, sodass für die etwa 65 Zuschauer, die sich für diese erste Veranstaltung zu den Kulturtagen angemeldet hatten, ausreichend Platz blieb. Nach der Personalienerfassung am Saaleingang und nach der Handdesinfektion konnten die Zuschauer auf dem ihnen zugewiesenen Platz sich auch ihres Mund-und-Nasen-Schutzes entledigen. Damit hatte man zunächst einmal das coronabedingte Schutzprozedere hinter sich gebracht und dem Lauschen der eigentlichen Talkrunde stand nichts mehr im Weg. Sogar auf eine Erfrischung musste während der Veranstaltung nicht verzichtet werden.

„Und plötzlich waren wir alle wieder Anfänger – Entscheidungsfindung in der Coronakrise“, so der Titel der Talkrunde, die von Pfarrer Peter Brändle moderiert wurde. Seine Gäste waren allesamt wichtige Entscheidungsträger aus unterschiedlichen Bereichen von Wirtschaft, Kirche, Kommunalpolitik und Kommune. Wie der Titel vermuten ließ, sollte der Talk dazu beitragen, das aktuell alles umfassende Thema aus der Perspektive der Entscheidungsträger zu betrachten, die wie wir alle zum ersten Mal überhaupt mit den teils „fatalen Konsequenzen“, die aus dem Umgang mit dem Virus entstanden sind, konfrontiert wurden. – Eine Blaupause dafür hat bisher gefehlt.

Um dem beispielhaft auf den Grund zu gehen, hatte Pfarrer Peter Brändle eine prominente Runde zusammengestellt: da erfuhr man nicht nur, was man in den letzten drei Monaten Neues gelernt hatte wie zum Beispiel mit Videokonferenzen umzugehen ist, wie die Prälatin und Mitglied der Evangelischen Landeskirche Württemberg Gabriele Arnold einbrachte, oder dass man vor Corona meinte, in seinem Berufsleben schon alles erlebt zu haben wie Roger Kehle, der Präsident des Gemeindetags Baden-Württemberg, der die Erkenntnis daraus zog: „Man muss immer weiter lernen.“

Bleibende Lerneffekte zieht Klaus Winkler, Vorsitzender der Geschäftsführung von der Heller-Gruppe aus Nürtingen, aus dem neuen Reiseverhalten, aber auch nicht jede Sitzung müsse vor Ort abgehalten werden. Und Bürgermeister Steffen Weigel hat nach eigener Aussage „viele Menschen neu kennengelernt“. Plötzlich haben sich „die Menschen auf das Wesentliche konzentriert“, Beschwerden wie klappernde Kanaldeckel oder achtlos weggeworfene Hundekotbeutel seien schlagartig weg gewesen. „Die Menschen haben verstanden und hatten Zutrauen zu den Verantwortlichen vor Ort“, sagte er, das sei bei allem, was schwierig war, eine tolle Erfahrung gewesen.

Roger Kehle, der als Vertreter eines kommunalen Landesverbandes von Anfang an dabei war, als die wichtigen Entscheidungen vom Land getroffen wurden, berichtete über die Schwierigkeiten, über das Für und Aber, über die Fragen, die in so einer für alle einmaligen Situation auftauchten: Wie werden sich die Entscheidungen tatsächlich bei den Bürgern auswirken? Gut? Schlecht? Ein Beispiel: Kinder haben ein Recht, in den Kindergarten zu gehen. Aber auf der anderen Seite sind da die Erzieherinnen, die auch ihre Rechte haben, und teilweise zu den Risikogruppen zählen, flankiert von der medizinischen Seite.

Dass aus der Not auch Tugenden gemacht werden können, diese Erfahrung machte die Regionalbischöfin über 246 Kirchengemeinden und ihren Pfarrerinnen und Pfarrern, Gabriele Arnold. So viel Kreativität, die wurden von der Landeskirche mit einem Untersützungsportal angeregt.

Dagegen war die Situation anfangs als die Schutzkleidungen fehlten gerade bei der Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen ein großes Problem, das belastete auch Pfarrer Brändle sehr, wie er in der Talkrunde zugab. Dieses Thema müsse nocheinmal auf die Agenda der Landeskirche, wich auch die Prälatin nicht aus.

In einem Punkt waren sich fast alle einig: die Wirtschaft muss unterstützt werden. Hier sollte nicht gespart werden, so die persönliche Meinung von Gabriele Arnold. In der Kirche sei dieser Prozess noch am Laufen.

„In 2019 war für uns ein Rekordjahr, wir haben sieben fette Jahre hinter uns“, gab Heller-Chef Klaus Winkler ohne Umschweife zu. „Wir haben immer versucht in unserer 126-jährigen Firmengeschichte, ein verlässlicher Arbeitgeber zu sein, auch in konjunkturellen Abschwüngen.“ Wie lange und wie es mit Corona weitergeht, das müsse man sehen, wollte der Manager keine eindeutige Aussage für die Zukunft treffen.

Neben der Wirtschaft gehören zu den Hauptbetroffen auch die Kommunen: Gegen so eine Weltwirtschaftskrise in diesem Ausmaß könne man nicht ansparen, machte Roger Kehle deutlich. Die Kommune sind von den eingebrochenen Gewerbe- und Einkomenssteuer besonders betroffen. Auf viele Einnahmen müssen sie verzichten. Kehle hofft, dass der Paketanteil für die Kommunen nicht zu klein ausfällt. „Wir brauchen eine Liquiditätshilfe des Landes“, sagte er. Kehle geht von 1 Milliarde Euro aus, um die Nachfrage von Städten und Gemeinden aufrecht haltenzu können. „Die Kommunen sind mit der Motor der Wirtschaft“. Dies griff der Hausherr Steffen Weigel mit Nachdruck auf: Die Kommunen dürften als Auftraggeber bei den Investitionen nicht ausfallen. „Wir könnten sieben Jahre nicht durchhalten“, nahm er das Gleichnis der sieben mageren Jahre aus der Bibel auf.

„Die Krise hat uns verdeutlicht, was wirklich wichtig ist“

Roger Kehle, Gemeindetags-Präsident

Zwei Dinge hätten ihn am meisten beeindruckt in der Krise, sagte Bürgermeister Weigel: zum einen die Menschen und der Zusammenhalt in der Gesellschaft, zum anderen die Spitzenverbände, die Behörden, sie hätten gut funktioniert. Bei der Digitalisierung vor allem auch in den Schulen habe man einen deutlichen Nachholbedarf.

Den Abend bereicherten Patrick Schwefel und Sandra Schöne vom Pop-Duo „Vocal Affair“.