Die Devise lautet: „Wir wollen großzügig sein“

Vom 3. bis 24. Februar findet die Nürtinger Vesperkirche diesmal im Stephanushaus im Roßdorf statt

Team mit Plakat: (von links) Michael Waldmann, Claudia Kook, Barbara Brückner-Walter und Bärbel Greiler-Unrath. Foto: Holzwarth

26.01.2019, Von Andreas Warausch

Zum zwölften Mal findet nun die Vesperkirche in Nürtingen statt. Dennoch ist die soziale Mammutveranstaltung noch lange keine Routine für die Ehren- und Hauptamtlichen. Vor allem in diesem Jahr: Diesmal musste man ins Stephanushaus im Roßdorf umziehen, weil der Lutherhof umgebaut wird.


NÜRTINGEN. Es ist zu spüren: Das Team fühlt sich im neuen Domizil droben im Roßdorf schon wohl. Und man ist froh, dass man einen Ausweichort gefunden hat. Denn Michael Waldmann, der Dekan der evangelischen Kirchengemeinde Nürtingens sagt: „Wir sind immer noch stolz darauf, dass wir die erste Vesperkirche im Landkreis waren.“ 2007 war das, und heute sei eine Einrichtung wie die Vesperkirche mindestens so wichtig wie damals. Schließlich sei die Armut eher größer geworden, und der Zusammenhalt in der Gesellschaft habe sich nicht nachhaltig verbessert.

So will man auch in diesem Jahr wieder Antworten geben für Menschen, die in prekären Verhältnissen leben. Drei Wochen lang können sie kommen und an einem gedeckten Tisch sitzen. „Wir wollen großzügig sein“, laute die Devise. Großzügig zu Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Einsame Menschen. Menschen am Rande. In Wohnungsnot. Flüchtlinge. Arme. Für sie alle gibt es täglich eine warme Mahlzeit, Getränke, Kaffee, Kuchen, ab einem Euro. Doch die Vesperkirche ist nicht nur so etwas wie eine „Armenspeisung“, sagt Dekan Waldmann. Sie steht auch im Zeichen der Begegnung. Jeder kann kommen. Kann freilich auch mehr als den einen Euro zahlen. Kann zu einem Miteinander beitragen, ganz nach dem Motto „Gemeinsam an einem Tisch“.

Eine gute Idee will freilich umgesetzt sein. Und das kostet bei allem ehrenamtlichen Engagement auch eine Stange Geld. Mit einem finanziellen Aufwand von mehr als 50 000 Euro rechnet der Dekan – und mit einem Erlös aus dem Essensverkauf von 16 000 Euro. Es sind also Jahr für Jahr mehr als 30 000 Euro, die noch zusammengetragen werden müssen. „Sensationell, dass das gelingt“, meint der Dekan. Es gebe Spenden zwischen zehn und 5000 Euro.

Auch die Stadt gibt nach längerer Diskussion im Gemeinderat einen Zuschuss. 6000 Euro hatte man beantragt, 3000 bekommt man. Und was kostet die Vesperkirche dann eigentlich die evangelische Kirche? Sie stellt die hauptamtliche Leitung, sagt Waldmann. Und die Kollegen tun Dienst in der Seelsorge. Und man hält das Haus für die Vesperkirche vor. Den Lutherhof gelte es sogar umzubauen. Und: „Wir tragen das Risiko.“ Das finanzielle Risiko. Dass die Kirche aber auf Kosten sitzen geblieben ist, das ist noch nie vorgekommen, räumt der Dekan ein.

Waldmann freut sich über die offenen Arme, mit denen man im Roßdorfer Stephanushaus empfangen wurde – auch von Seiten der katholischen Kirche. Aber freilich ist der Ortswechsel auch eine Herausforderung, sagt der Dekan. Und Vesperkirchen-Leiterin Bärbel Greiler-Unrath bestätigt das. Manche der auch diesmal wieder nötigen rund 300 Mitarbeiter wollten den Umzug nicht mitmachen, berichtet die Diakonin. Man brauchte sie aber, auch damit die Vesperkirche erkennbar die Vesperkirche bleibe. Jetzt sind wieder viele vom alten Team da, aber natürlich auch viele neue Mitstreiter. „Das macht es spannend“, weiß Greiler-Unrath.

Man rechnet wieder mit über 6000 Essensgästen

„Nach dem Auftakt atmen wir erst einmal durch“, sagt die Leiterin. Das ist verständlich. Der organisatorische und planerische Aufwand ist groß. 162 Sitzplätze gibt es. Für den Auftakt am 3. Februar rechnet man mit 300 Gästen. Es wird also in zwei Schichten gegessen. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass täglich mit 180 bis 500 Gästen zu rechnen ist. Insgesamt könnten also wieder über 6000 Menschen in die Vesperkirche strömen. Freilich macht auch gerade der Ortswechsel die Sache ein bisschen unwägbar. Deshalb freut sich der Dekan auch darüber, dass die Stadt die beiden achtsitzigen E-Busse als Shuttle zur Verfügung stellt, die morgens und abends die Bachhalde an die Stadt anbinden.

Auch die Hausherrin, Roßdorf-Pfarrerin Claudia Kook, freut sich auf die drei Wochen. „Die Vesperkirche passt gut ins Roßdorf.“ Seniorenkreis und Krabbelgruppe zum Beispiel werden in den Vesperkirchenbetrieb integriert. Nun hofft sie, dass gerade die Menschen aus dem Roßdorf einfach einmal vorbeigucken. Dann, das unterstreicht auch Vesperkirchen-Pfarrerin Barbara Brückner-Walter vom Lutherhof, gelingt auch das Miteinander. Die Vesperkirchen-Community schaffe es hoffentlich hinauf ins Roßdorf und vermische sich mit den neuen Gesichtern. Das alles passe zum Grundgedanken der Vesperkirche, ein milieuübergreifendes Miteinander zu ermöglichen. Die Vesperkirche auch als Imagepflege: Denn mit solchen Aktionen, die viele verschiedene Menschen aus verschiedensten Milieus zusammenführt, könne das veraltete Bild der Kirche revidieren. Brückner-Walter: „Das ist eine Riesenchance.“

Eine Chance ist die Vesperkirche auch für viele Menschen, um niederschwellig Hilfsangebote zu bekommen. Seelsorge im geschützten Raum, Informationen zu sozialen Beratungen und Hilfen gibt es. Und auch Anwälte, Ärzte, Friseure oder Fußpfleger stehen zum Beispiel zur Verfügung. Jeder entscheidet selbst, wie viel Hilfe er will. Dekan Waldmann: „Jeder kann kommen und gehen wie er ist.“

Zum besonderen Präge der Vesperkirche gehört auch, dass Betroffene zu Helfern werden. Der Hartz-IV-Empfänger, der Gast aus dem Tagestreff, wird da Teil des Teams. Schüler aus der Johannes-Wagner-Schule gesellen sich in diesem Jahr zum Beispiel dazu. Oder auch Flüchtlinge und Auszubildende. Die integrative Kraft der Vesperkirche ist nicht zu unterschätzen. Auch heuer droben im Roßdorf.

Info
Daten und Rahmenprogramm

Vom 3. bis 24. Februar wird von 12 bis 14 Uhr das Essen serviert. Geöffnet ist die Vesperkirche aber von 11.30 bis 14.30 Uhr.

Einen kostenlosen Buspendelverkehr gibt es zwischen 11.15 und 13 Uhr, die letzte Rückfahrt ist um 14 Uhr. Haltestellen sind am ZOB der Bussteig 11 und die Schulbus-Haltestelle an der Ersberg-Schule.
Einen kostenlosen Fahrdienst für kranke oder behinderte Menschen gibt es unter
Telefon (01 76) 76 28 98 51.


Das Rahmenprogramm:
Sonntag, 3. Februar, 13.30 Uhr: Kulturnachtisch mit Winterliedern mit Charlotte Müller und Kindergartenkindern
Dienstag, 5. Februar, 19.30 Uhr: Benefizkonzert mit dem Kalinka-Chor
Samstag, 9. Februar, 18 Uhr: Familienkino mit dem Film „Oben“
Sonntag, 10. Februar, 19.30 Uhr: Kulturnachtisch mit Hans-Peter Zuther und Märchen
Freitag, 15. Februar, 19.30 Uhr: „Bettler’s Oper“ mit Frieder Claus and Friends
Sonntag, 17. Februar, 13.30 Uhr: Kulturnachtisch mit den Neckarknurrhähnen
Donnerstag, 21. Februar, 19.30 Uhr: Dialog „Gesellschaft gestalten“ mit Stadträten und Kandidaten zur Kommunalwahl
Sonntag, 24. Februar, 12.45 und 13.30 Uhr: Kulturnachtisch mit Puppentheater

Während der Vesperkirche gibt es zudem jeden Sonntag um 10 Uhr einen Gottesdienst.