Neue Dekanin im Kirchenbezirk Nürtingen

Am Sonntag ist in der Nürtinger Stadtkirche die Investitur von Dekanin Dr. Christiane Kohler-Weiß

30.04.2021 05:30, Von Anneliese Lieb

Der Kirchenbezirk Nürtingen hat wieder einen Dekan beziehungsweise eine Dekanin. Und die Stadtkirche wieder eine zweite Pfarrerin. Christiane Kohler-Weiß wird am Sonntag in ihr Amt eingeführt. Coronabedingt sind zum Gottesdienst nur die Mitwirkenden und die Familie der Dekanin zugelassen. Es gibt jedoch einen Livestream, den man von daheim aus verfolgen kann.

NÜRTINGEN. Der erste Eindruck: Herzlich und offen ist die neue Dekanin. Dr. Christiane Kohler-Weiß lacht gerne, strahlt Zuversicht aus und wirkt strukturiert. Sie ist Nachfolgerin von Michael Waldmann, der sich im Dezember in den Ruhestand verabschiedete. Im Interview spricht die Theologin über die künftigen Aufgaben und über Herausforderungen.

Frau Kohler-Weiß, am Sonntag ist Ihre Investitur zur Dekanin im Kirchenbezirk Nürtingen. Freuen Sie sich auf die neue Aufgabe und welche Erwartungen verbinden Sie damit?

Ja, ich freue mich auf die neue Aufgabe. Vor allem auf die Vielfalt. Die Vielfalt von Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche. Man hat ja als Dekanin einen Bezug zur Stadt und den Kommunen. Ich freue mich auf die Vielfalt von Themen und Arbeitsfeldern. Zum Beispiel die gemeindliche Arbeit, Diakonie, Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Kultur. Es ist eine große Bandbreite – auf die freue ich mich.

Wie wird man Dekanin und welche Voraussetzungen muss man mitbringen?

Man bewirbt sich auf die ausgeschriebene Stelle beim Oberkirchenrat. Der trifft eine Vorauswahl für den Kirchenbezirk. Das war in meinem Fall ein Dreiervorschlag. Gewählt wird man vom Besetzungsgremium. Das sind im Kirchenbezirk Nürtingen über 30 Personen. Voraussetzungen sind Leitungserfahrung und auch Freude an Leitung. Ich war geschäftsführende Pfarrerin in Meckenbeuren von 2003 bis 2014. Durfte danach das Reformationsjubiläum für unsere Landeskirche vorbereiten, war dann noch drei Monate zum Kontaktstudium in Stellenbosch in Südafrika und in den letzten zwei Jahren war ich Abteilungsleiterin beim Diakonischen Werk in Stuttgart.

Vor wenigen Wochen wurden die Einladungen für den Investiturgottesdienst in der Stadtkirche verschickt. Die steigenden Inzidenzwerte machten alle Planungen zunichte. Den Gottesdienst gibt es jetzt nur als Livestream. Was wird Ihnen dabei am meisten fehlen?

Vermissen werde ich die Begegnung und das Festliche, das normalerweise durch eine größere Menge an Menschen in der Kirche entsteht. Die Erfahrung von Gemeinschaft hat man nicht so richtig, wenn die Gottesdienst Feiernden mit Abstand verstreut in der großen Kirche sitzen. Da ändert sich auch nichts daran, wenn man weiß, dass viele Menschen die Investitur am Bildschirm mitfeiern. Was mir seit Beginn der Pandemie wahnsinnig fehlt, ist in den Gottesdiensten das Singen. Das vermisse ich wirklich schmerzlich. Ich singe selbst sehr gerne und hätte mir gewünscht, dass die Kantorei den Gottesdienst musikalisch gestaltet. Es ist der Sonntag „Kantate“. Die Investitur ohne Gesang, das ist schon hart.

Ihr Dienstbeginn in Nürtingen fällt in den dritten Lockdown. Eine herausfordernde Zeit für Sie und die Kirche insgesamt?

Es ist für uns alle eine herausfordernde Zeit. Da macht die Kirche keine Ausnahme. Uns alle belastet das Coronavirus. Viele Menschen haben Kurzarbeit, sorgen sich um ihren Arbeitsplatz, die Doppelbelastung mit Kindern, Homeschooling und Homeoffice sorgen für Spannungen in Familien. Die Begleiterscheinungen der Pandemie sorgen für unterschiedliche Schwierigkeiten und Herausforderungen. Und von diesen Belastungen bleibt auch das Ehrenamt nicht verschont. Was fehlt, sind die Quellen zum Krafttanken: Chorproben, Gemeinschaft erleben, miteinander fröhlich sein oder Gottesdienste und das Abendmahl miteinander feiern können. Es sind viele, auch kleine Dinge, die einem im Alltag Kraft geben und derzeit leider nicht möglich sind. Bei meiner Arbeit im Diakonischen Werk wurde deutlich, wie unterschiedlich die Pandemie die Menschen trifft. Etwa in Senioren- und Pflegeheimen, in Behinderteneinrichtungen, im Obdachlosentreff, in Kliniken oder überall dort, wo Menschen eng zusammenleben. Dort trifft die Pandemie die Menschen ganz besonders hart. Man muss die eigenen Erfahrungen immer in Relation setzen. Es gibt viele Menschen, die einfach erschöpft sind, die in ihrer Gemeinde gerne wieder Besuche machen oder Jugendarbeit anbieten würden. Die Kirche lebt von Gemeinschaft – und auch wir werden im Augenblick ausgebremst. Wobei ich auch sagen kann: Die Kirche hat überall Wege gefunden, auch in der Pandemie für die Menschen da zu sein, in der Diakonie und in den Gemeinden.

Sie sind die erste Dekanin im Kirchenbezirk. Wird das auch nach außen spürbar? Setzt eine Frau andere Akzente?

Ich weiß es nicht. Ich glaube, wir sind in einer Phase, wo man die Unterschiede nicht verallgemeinern kann. Frauen sind sehr verschieden und Männer auch. Tatsächlich kann ich nicht sagen, ob ich als Frau andere Akzente setze. Unterschiede sind erkennbar, wenn man auf die Besetzung von Gremien achtet. Wenn Gremien nur von Männern besetzt sind, herrscht eine andere Atmosphäre, als wenn Frauen mit am Tisch beraten. Ich finde das wohltuend und letztlich eine Frage der Gerechtigkeit. Bei rein männlichen Gremien ist der kompetitive Geist stärker ausgeprägt als in Gremien, die gemischt besetzt sind. Mich beeindrucken die zahlreichen Politikerinnen, die sehr sachbezogen agieren und sich selber weniger in den Vordergrund stellen. Aber ich will das Ganze nicht verallgemeinern: Männer sind sehr verschieden und Frauen auch.

Was dürfen die Menschen von ihrer Dekanin und Stadtpfarrerin erwarten?

Auf jeden Fall eine leidenschaftliche Theologin und einen fröhlichen Christenmenschen. Und natürlich eine Person, die auf jeden Fall Interesse hat für soziale und gesellschaftliche Fragen und auch für die Stadtgesellschaft Nürtingens. Und selbstverständlich auch für die ganze Region.

Wann predigen Sie das erste Mal in einem Gottesdienst in der Stadtkirche?

Bei der Investitur und dann erstmals als Stadtpfarrerin und Dekanin am Pfingstsonntag in St. Laurentius.

Nürtingen ist ein großer Kirchenbezirk, haben Sie die Gemeinden schon kennengelernt? Gibt es einen Fahrplan?

Nein, ich kenne die Gegend bisher nur vom Wandern. Wir sind gerne auf der Schwäbischen Alb unterwegs und immer mal wieder durch die eine oder andere Gemeinde gefahren. Die Mehrzahl der Kollegen und ihre Gemeinden kenne ich noch nicht und freue mich deshalb auf viele Begegnungen mit Haupt- und Ehrenamtlichen. Ich werde die Ferien nutzen und nehme mir die Zeit, mir von den Kolleginnen und Kollegen ihre Kirchengemeinden zeigen zu lassen. Bis ich alle besucht habe, wird es aber sicherlich Herbst werden.

Kirchenaustritte und knapper werdende finanzielle Ressourcen bestimmen auch die Arbeit im Kirchenbezirk. Wie wollen Sie diesen Herausforderungen begegnen?

Die Kirchenaustritte werden weitergehen. Es ist zu befürchten, dass sich die finanzielle Situation durch die Coronakrise für die evangelische Kirche nicht verbessern wird. Negative Auswirkungen auf die Zahl der Kirchenmitglieder hat auch der demografische Wandel. Ich habe auch kein Geheimrezept dagegen – das hat niemand. Es ist jedoch ganz wichtig, sich nicht entmutigen zu lassen. Wir dürfen nicht resignieren und in eine depressive Keiner-liebt-uns-Stimmung verfallen. Vielmehr müssen wir auf die Möglichkeiten zu Veränderungen schauen. Es wird wichtig sein, Schwerpunkte zu bilden. Die Vorstellung von allen Kirchengemeinden als Vollsortimenter wird nicht weitergehen. Das ist in den ländlichen Regionen noch eine größere Herausforderung als in der Stadt. Dort hat man schon Schwerpunkte gesetzt, da wurde auch viel überlegt. Auf der anderen Seite ermutigen mich aber auch Kirchen, die unter ganz anderen Umständen immer noch fröhlich Kirche sind, Menschen begeistern, soziale Projekte machen, Gottesdienste feiern und ihren Glauben gemeinsam leben. Erlebt habe ich das bei einem Besuch mit dem Diakonischen Werk in der Slowakei. Auf unsere Kirche kommen da noch große Herausforderungen zu, weil vieles als selbstverständlich gesehen wird.

Zählen Sie sich zu den eher konservativen Vertretern der evangelischen Kirche oder sind Sie jemand, der Veränderungen anstößt und neue Wege geht?

Ich finde, es ist gar kein Gegensatz. Ich weiß nicht, ob ich konservativ bin. In manchen Dingen ja. Etwa in ethischen Fragen. Ein Beispiel: Ich habe mich sehr intensiv mit dem assistierten Suizid befasst und beobachte mit großer Sorge, was sich da verändert. Da gibt es Leute, die mich als konservativ bezeichnen. Auf der anderen Seite habe ich überhaupt keine Angst vor Veränderungen, neuen Verkündigungsformen oder gesellschaftlichen Öffnungen. Ich habe keine Berührungsängste. Ich bin als Kind in einem pietistischen Umfeld aufgewachsen, nicht im Elternhaus, aber die Jugendarbeit hat mich bis heute geprägt. Allerdings nicht in einer unfreien Art und Weise. Ich gehöre keinem Gesprächskreis unserer Landeskirche an – bewusst nicht.

Welchen Stellenwert hat für Sie die Ökumene?

Einen großen. Das ist eine Glaubwürdigkeitsfrage und außerdem ist es ein Auftrag Jesu, dass wir eins sein sollen. Ich habe beim Reformationsjubiläum, für das ich zuständig war, von Anfang an gesagt, das feiern wir ökumenisch. Das hat nicht allen gefallen. Aber es haben zum Schluss die allermeisten mitgemacht. Es war eine große positive Erfahrung der Annäherung und Aufarbeitung.

Werden Sie mit Ihrer Familie nach Nürtingen ins Dekanat ziehen?

Ja, wir ziehen im Sommer nach Nürtingen um. Mein Mann ist ja derzeit noch Pfarrer in Altbach. Deshalb bin ich bis zu den Sommerferien von der Residenzpflicht befreit. Nach unserem Umzug tritt mein Mann eine Pfarrstelle im Kirchenbezirk an und dann ist er von der Residenzpflicht befreit. Mit umziehen wird unser jüngster Sohn. Die beiden älteren Kinder sind von daheim schon ausgezogen.

Ihr Wunsch an die rund 47 000 Mitglieder in den Gemeinden des evangelischen Kirchenbezirks?

Ich werde mich sehr bemühen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Und dann ist mein Wunsch, dass auch die Gemeindeglieder mir ihr Vertrauen schenken. Vertrauen ist die absolute Grundvoraussetzung für eine gute Zusammenarbeit.

Den Link zum Livestream gibt es unter www.ev-kirchenbezirk-nuertingen.de

Zur Person
Dr. Christiane Kohler-Weiß


Geboren ist Dr. Christiane Kohler-Weiß 1963 im Schwarzwald.
Studium und Promotion:
Nach dem Abitur studierte sie Germanistik und evangelische Theologie zunächst auf Lehramt und wechselte dann auf Pfarramt. 1997 Zweite Theologische Dienstprüfung. 2002 Promotion in evangelischer Theologie bei Professor Wolfgang Huber an der Universität in Heidelberg. Ausgezeichnet mit dem Hanna-Jursch-Preis.
2018 Kontaktstudiensemester an der Theologischen Fakultät Stellenbosch in Südafrika.
Beruflicher Werdegang:
1996 Vikariat in Eckenweiler-Ergenzingen. 1998 Repetentin am Stift in Tübingen.
2002 Assistentin an der Fakultät für Theologie in Tübingen (Lehrstuhl von Professor Eberhard Jüngel).
2003 bis 2014 Gemeindepfarrerin in Meckenbeuren in Stellenteilung mit Ehemann Gunter Weiß.
2019 bis April 2021 Beauftragte für das Reformationsjubiläum in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Leitung der Abteilung Theologie und Bildung im Diakonischen Werk Württemberg.
Christiane Kohler-Weiß ist verheiratet und hat drei Kinder.