Viel Anerkennung für den scheidenden Nürtinger Dekan

Die Verabschiedung von Dekan Michael Waldmann zeigt, wie beliebt und geschätzt er bei allen Seiten ist

Prälatin Gabriele Arnold Fotos:pd

Waldmann Fotos:pd

01.12.2020 05:30, Von Peter Dietrich

Manche Leute drängen sich gerne vor, wollen eine hohe Aufgabe, wollen Geld, Macht und Ansehen. Bei den wirklich guten Leuten ist es meistens anders: Sie müssen von außen ermutigt, geschubst, berufen werden. Bei Dekan Michael Waldmann war Letzteres der Fall, und zwar von allerhöchster Stelle. Das war für alle Beteiligten ein Segen, wie seine Verabschiedung zeigte.

NÜRTINGEN. „Dass ich diesen Beruf ausüben konnte, war für mich ein großes Geschenk“, sagte Dekan Waldmann am Sonntagabend beim Abschied in der Stadtkirche St. Laurentius. „Ich hatte das Gefühl, an der richtigen Stelle zu stehen.“ Er gab zu, ein wenig zum Glück gezwungen worden zu sein: „Ich danke Gott, er hat mich diesen Weg auch gegen meinen Widerstand geführt.“ Manchmal habe er gespürt, dass der Heilige Geist ein Anliegen mit betrieben habe. „Das waren die besten Momente als Dekan.“ Beim Rückblick auf seine 16 Jahre machte er mehrere Schwerpunkte aus: „Der Glaube an Jesus Christus ohne den Einsatz für die Menschen am Rande ist für mich undenkbar gewesen.“ Wichtig war ihm auch die Bildung, und gefeiert habe er auch gerne: „Die Vesperkirche ist auch ein Fest.“

Immer ein feines Gespür für die Nöte der Menschen gehabt

Die Entpflichtung des Dekans nahm Prälatin Gabriele Arnold vor. „Es waren 16 gute Jahre“, fasste sie Waldmanns Zeit in Nürtingen zusammen. Die Fotos auf der Einladungskarte seien typisch für ihn: Sie zeigten den Dekan lächelnd, als Teamplayer und seinen Blick zum Himmel erhebend. „Du hast gewusst, dass nicht du der Herr der Kirche bist, sondern Jesus Christus. Dein Blick nach oben hat deine Amtsführung geprägt.“ Er habe in Nürtingen vieles ermöglicht. Der seit 2006 alle zwei Jahre gefeierte Kirchenbezirkstag sei ein Experimentierfeld für neue Möglichkeiten. „Ich denke da an die Ringer an der Stadtkirche.“ Waldmann habe in den Kirchengemeinden 50 Hauptvisitationen und 30 Zwischenvisitationen gemacht. „Dadurch warst du den Gemeinden nahe. Wenn du kamst, kam nicht der Dekan, sondern Bruder Waldmann.“ Trotzdem habe er, wenn nötig, korrigierend eingegriffen. Er habe Menschen beteiligt, seine Amtsführung sei klug und kollegial gewesen. „Du hast immer ein feines Gespür für die Nöte und Brüche der Menschen gehabt.“

Daran schloss Oberbürgermeister Dr. Johannes Fridrich an: Meistens sei einer entweder ein guter Zuhörer oder ein guter Redner. „Selten kommt beides zusammen, und das ist bei Ihnen der Fall.“ Waldmann verbinde die Nähe zu den Menschen mit theologischer Tiefe. Er hinterlasse diakonische Spuren in der Stadt, habe sich schwierigen Fragen wie dem kirchlichen Immobilienkonzept gestellt. „Dass Christiane Kohler-Weiß zu Ihrer Nachfolgerin gewählt wurde, haben Sie gesagt, mache Ihnen den Abschied leichter.“ Als Abschiedsgeschenk hatte der Oberbürgermeister ein schönes Papiermodell der Stadtkirche basteln lassen.

In dieser erklang zum Abschied sehr schöne und vielseitige Musik: Orgel, Violine und Kantorei. Den Landrat vertrat die Dezernatsleiterin für Soziales, Katharina Kiewel. Die kirchlichen Einrichtungen seien im Landkreis unverzichtbar, betonte sie, und versprach: „Ihre Stellungnahmen werden von uns gehört.“

„Ich wünsche mir eine Vesperkirche in Nürtingen“, zitierte Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands, den scheidenden Dekan. „Sie waren ein Ermöglicher. Sie haben Sachen wachsen lassen, bei denen man am Anfang nicht wusste, wo sie hinführen.“ Haußmann erinnerte an das mutige Freiluftprojekt „1000 Leute an einem Tisch“, bei dem bis zum Schluss vor dem Regenwetter gezittert wurde. Dekan Waldmann sei ein Vernetzer und ein Mann mit diakonischem Herz. „Ich sage Dank im Namen der Menschen, für die sie da waren.“

Der katholische Dekan Paul Magino lobte Waldmanns Einsatz für die Menschen, dies sei sein durchgehendes Anliegen gewesen, auch die Fürsorge für die Kollegen und Kolleginnen. Bei Verhandlungen sei er ein Mann der klaren Worte gewesen. Er dankte Waldmann für „guten Rat, gute Gespräche und das gemeinsame christliche Zeugnis“.

Die Schuldekanin Dorothee Moser dankte Waldmann für acht Jahre gemeinsames Leiten: „Das ist nicht selbstverständlich, dass das gelingt.“ Waldmann habe einen weiten Blick für das große Ganze und einen Zugang zu Zahlen und Organisation: „Er weiß, was er tut, und er kann es begründen.“ Der Kirchenbezirk Nürtingen habe in der Landeskirche einen guten Ruf, sagte der Erste Vorsitzende der Bezirkssynode, Dieter Oehler. Das liege auch an Waldmanns klugen Ideen und seiner guten Führung. Die Zuhörer erhoben sich lange applaudierend, bis der Dekan sie mit seinen Gesten bremste, jetzt sei es genug.

Er ist bereits der kirchlichen Tradition gefolgt, dass ein scheidender Dekan den Kirchenbezirk verlässt – allerdings nicht weit weg, er zieht nach Kirchheim-Ötlingen. Seine Aufgabe sei nun, herauszufinden, wer er ohne Amt sei, sagte er, und verglich den Ruhestand mit neuen Schuhen, die anfangs auch mal zwicken. Seine Einschätzung: Wahrscheinlich werde er sich mit der Zeit den Schuhen anpassen, nicht umgekehrt.