Zauber der Michaeliskirche - Kirchenmusik in Hildesheim

NÜRTINGEN – Ein Unesco-Weltkulturerbe ist ihr neuer Arbeitsplatz: Angelika Rau-Culo ist Kirchenmusikdirektorin in Hildesheim. Die ehemalige Bezirkskantorin der Nürtinger Stadtkirche möchte weiterhin ein breiteres Publikum für kirchliche Musik begeistern.

Neue Direktorin - Kirchenmusik Hildesheim

Angelika Rau-Culo will in Hildesheim einiges bewegen. Sie freut sich auf ihre Aufgabe als Kirchenmusik-direktorin. (Foto: Brigitte Jähnigen)

Trauer und Euphorie: Das ist die Gefühlsmelange, die Angelika Rau-Culo derzeit empfindet. Trauer, weil sie nach über einem Jahrzehnt als Bezirkskantorin die Nürtinger Stadtkirche St. Laurentius verlässt. Und weil sie schon jetzt die gewachsenen Beziehungen vermisst. Aber eben auch Euphorie, weil sie als Kirchenmusikdirektorin in Hildesheim die Nachfolge von Helmut Langenbruch antritt. Die gebürtige Göppingerin hat sich gegen 80 Bewerber durchgesetzt. Die berühmte Michaeliskirche mit der Woehl-Orgel – die Kirche ist zusammen mit dem Hildesheimer Dom seit 1985 Unesco-Weltkulturerbe – wird dann ihr Arbeitsplatz sein.

„Für mich war es ein Zauber, als ich zum ersten Mal in der Michaeliskirche stand“, erinnert sich Angelika Rau-Culo. Der Sakralbau, eine doppelchörige Basilika mit zwei Querhäusern, gehört zu den vorromanischen Bauwerken, die zum ottonischen Stil gerechnet werden.

Kirchenmusik mit freiem Eintritt

Wenn Angelika Rau-Culo von ihrer neuen Wirkungsstätte spricht, sprudeln die Ideen nur so. „Ich möchte Kirchenmusik mit freiem Eintritt anbieten“, sagt sie. Bisher sei ihre Idee mit etwas Skepsis bedacht worden, aber sie möchte erreichen, dass sich jeder den Besuch eines Kirchenmusikkonzerts leisten könne. Sie stellt sich außerdem vor, neue Formate zu entwickeln und den Kontakt zu anderen Kulturschaffenden zu finden. Sie denkt an Wort-Musik-Konzerte im Klostergarten, an Konzerte in einer stuhlfreien Kirche, auf der Treppenanlage von St. Michaelis oder an Nachtkonzerte – „im Sommer geht man nicht so früh zu Bett“. Aber erst möchte Angelika Rau-Culo herausfinden, „wie Hildesheim tickt.“ St. Michaelis gehört zur Hannoverschen Landeskirche. Als Kirchenmusikdirektorin wird Angelika Rau-Culo an Visitationen in 240 Kirchengemeinden teilnehmen. „Anders als in Württemberg, wo der zuständige Dekan für die Visitationen zuständig ist, führt in der Hannoverschen Landeskirche der Landessuperintendent die Besuche durch“, erklärt sie. Auf das erweiterte Spektrum ihrer Arbeit freut sie sich: „Kirchenmusik ist Beziehungsarbeit und lebt von der Basis, der Austausch ist mir wichtig.“ Niedersachsen unterscheidet sich von Württemberg nicht nur in kirchlichen Fragen: „Wir haben in Hildesheim einen Traum von Wohnung gefunden, zu finanziellen Konditionen, die hier niemals zur Disposition gestanden hätten“, sagt Angelika Rau-Culo.

Einige Zeit habe sie gezweifelt, ob sie den Anforderungen gerecht werden könne, die in Hildesheim an sie gestellt werden. Doch dann sei das Bewerbungsgespräch „so gut wie bei keiner anderen Bewerbung“ gelaufen. „Ich fühlte, als seien wir uns irgendwie verbunden“, erinnert sich die A-Kirchenmusikerin.


Knabenchor Collegium Iuvenum Stuttgart

Mit Angelika Rau-Culo verlässt auch ihr Ehemann Michael Culo Nürtingen. Die beiden hatten sich ab 2009 die Aufgaben als Kirchenmusiker an St. Laurentius geteilt. Michael Culo ist außerdem künstlerischer Leiter des Knabenchores Collegium Iuvenum Stuttgart. Dieser Aufgabe wird er sich auch weiter stellen und die 500 Kilometer zwischen Hildesheim und Stuttgart hin- und herpendeln.

„Mein Mann ist mein Ratgeber, mein Kritiker, mein Motivator und Motor“, sagt Angelika Rau-Culo. „Okay, jetzt hast du die coole Stelle, da geh ich mit“, so habe er ihren Wechsel von Nürtingen nach Niedersachsen kommentiert.

Ist ihr angesichts von Missbrauchsskandalen und Kirchenaustritten manchmal bang um die Kirche?

„Die Kirchenmusik spielt im Leben vieler Menschen eine wichtige Rolle. Ich bin Kirchenmusikerin geworden, weil mir die Musik soviel Freiraum lässt“, antwortet sie. Musik für alle, das ist ihr Plädoyer für eine Beziehung von Mensch zu Kirche. Mit der Form eines Evensong hatten sich Angelika Rau-Culo und Michael Culo von Nürtingen verabschiedet. Evensong stammt aus der Anglikanischen Kirche, es handelt sich um einen Abendgottesdienst, in dem viel mehr gesungen als gesprochen wird. Und statt einer Predigt hörten die Teilnehmer des Abschiedsgottesdienstes in Nürtingen die Choralkantate „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ (BWV 93). „Das war unsere Form der Predigt“, sagt die Organistin. „Die Form des Evensong gibt es auch in Hildesheim, das verbindet.“

Und dann zieht Angelika Rau-Culo ein Fazit über ihre bisherige Zeit als Kirchenmusikerin: „Das gesungene Wort Gottes ist genauso viel wert wie das gesprochene.“