In der Zumutung steckt viel Mut drin

Am Endspieltag der Fußball-WM beginnt in Nürtingen und Umgebung der siebentägige evangelische Bezirkskirchentag

Der deutsche evangelische Kirchentag und der Nürtinger Bezirkskirchentag wechseln sich stetig ab. Bei geraden Jahreszahlen und Fußball-WM oder EM ist der Bezirk an der Reihe. Just am Tag des WM-Endspiels am 15. Juli startet der einwöchige Veranstaltungsmarathon zwischen Aichtal, Neuffen, Wendlingen, Wolfschlugen und Kohlberg mit einem Programm für alle. Stecken in den Vorbereitungen zum Nürtinger Bezirkskirchentag: (von links) die Neckartailfinger Pfarrerin Ina Mohns, Dekan Michael Waldmann, Angelika Rau-?ulo, Dieter Oehler, Jochen Rohde und Markus Geiger. Foto: lcs


Nürtinger Zeitung - Lutz Selle



Zum siebten Mal werde ein Bezirkskirchentag „in dieser Form“ veranstaltet, erklärte Dekan Michael Waldmann gestern bei einem Pressegespräch am Stadthallenvorplatz, wo am 22. Juli auch das Finale des „großen Festes des Glaubens“ geplant ist. Schon Tradition ist es, jedem Bezirkskirchentag einen speziellen Namen zu geben. Diesmal ist das hellblaue Programmheft, das schon bald an 45 000 Haushalte verteilt wird, mit der Überschrift „Zumutung“ und dem Foto eines grünen Frosches versehen. „Viele kennen das Märchen vom Froschkönig. Darin wird zunächst ein Frosch als Zumutung betrachtet, der dann aber später zum hübschen Königssohn mutiert“, so Waldmann. Im Wort „Zumutung“ stecke auch das Wort „Mut“. Nicht nur im Märchen kann sich seiner Ansicht nach aus einer Zumutung etwas Gutes wie Mut entwickeln. „Zunächst wollen wir aber in bestimmten Veranstaltungen des Bezirkskirchentags den Menschen auch etwas zumuten.“

Das bestätigt auch Angelika Rau-Čulo. Die Kantorin des Kirchenbezirks wird im jeweils zweistündigen Wechsel zusammen mit ihrem Mann Michael Čulo und Wolfgang Heilemann von Mittwoch, 18. Juli, bis Donnerstag, 19. Juli, in der Nürtinger Stadtkirche St. Laurentius 24 Stunden lang ein Werk von Erik Satie auf dem Klavier spielen. Das Stück wird insgesamt 840 Mal erklingen. „Das ist eine Zumutung für die, die zuhören und die, die spielen“, sagt Angelika Rau-Čulo mit einem Schmunzeln. Gleichwohl hofft sie, dass die außergewöhnliche Aktion Menschen anlockt, die ansonsten keine Kirchenkonzerte besuchen. „Das ist bei freiem Eintritt Kultur für alle“, sagt Dekan Waldmann. „Und jeder kann in die Kirche kommen und gehen, wann er mag“, ergänzt die Kantorin, die von Sonntag, 15. Juli, bis Samstag, 21. Juli, an allen anderen Tagen auch für Nachtkonzerte in der Stadtkirche verantwortlich zeichnet, die jeweils um 22 Uhr beginnen – ebenfalls bei freiem Eintritt. Am Montag, 16. Juli, wird ein Vokalensemble auftreten, wobei die Sängerinnen und Sänger während des Singens im Raum umhergehen.

Zwischen den Eröffnungsgottesdiensten in den Kirchen des Bezirks am 15. Juli und dem gemeinsamen Abschlussgottesdienst am 22. Juli um 10 Uhr mit der Predigt der Stuttgarter Prälatin Gabriele Arnold wird es – nicht nur für die 49 000 Gemeindeglieder der evangelischen Kirche im Bezirk Nürtingen – ein breit gefächertes Angebot geben. „Der Bezirkskirchentag soll unsere Gemeinschaft stärken und zeigen, dass die Kirche in der heutigen Zeit, die viele mit einigen Zumutungen erleben, etwas zu sagen hat“, erklärt Waldmann. „Wir greifen Themen auf, die gerade die ganze Gesellschaft beschäftigen.“

So wird es am Montag, 16. Juli, im Gemeindezentrum der Friedenskirche in Reudern ein Referat von Dekan i.R. Richard Haug zum Thema „Auswirkungen des demographischen Wandels“ geben. Am Dienstag, 17. Juli, wird in den Räumen der Kreissparkasse Nürtingen über „Depression als Alltagserscheinung und wie wir damit umgehen“ gesprochen. Referent ist Dr. Peter Czisch, Leitender Arzt der Tagesklinik im Schlössle für Psychiatrie und Psychotherapie.

Das Evangelische Jugendwerk bietet am 18. Juli um 19 Uhr eine Informationsveranstaltung für ein Freiwilligenjahr im Ausland an. Am selben Tag gibt Dr. Oliver Kohler in Neckarhausen einen Einblick in das Schaffen des Künstlers Andreas Felger. Zeitgleich gibt es in Zizishausen einen Bericht über die Arbeit des Gustav-Adolf-Werkes und die Begegnungen im Angesicht des syrischen Bürgerkriegs.

„Die Veranstaltungen wirken über die Kirche hinaus in die Gesellschaft“

Markus Geiger, Bildungswerk-Leiter


Ein Mitmachkonzert mit Liedermacher Jörg Sollbach am 19. Juli in Tischardt soll die Kinder begeistern. Am Abend wird dann in Neckarhausen diskutiert, wie es weitergeht mit den Geflüchteten vor Ort, während in Oberensingen Jazz und Satire dargeboten wird. Am späten Donnerstagabend gibt es dann noch Gesänge aus Taizé in Neckartailfingen.

Am 20. Juli steht in Neuffen ein Erzählvesper „Flucht und Integration“ an. Zeitgleich gibt es abends zwei Singprojekte im Roßdorf und in Reudern. Drei verschiedene Musikkonzerte stehen am Samstag auf dem Programm. Etwas ganz Besonderes wird zudem eine Pilgerwanderung mit Lamas der Altdorfer Pfarrerin Ulrike Schaich von Neckartailfingen zu den Honigbienen von Imker Rainer Blubacher in Walddorfhäslach am Sonntag, 15. Juli sein. „Das wird ein spannender Auftakt der Kirchentagswoche“, ist sich die Neckartailfinger Pfarrerin Ina Mohns sicher.

Überhaupt sieht Dekan Waldmann den Bezirkskirchentag als gute Möglichkeit für alle an, auch einmal die Räume und Personen der anderen Kirchen besser kennenzulernen. „Wenn man sich besser kennt, kann man in Zukunft auch mehr zusammen machen.“

Den Blick über den eigenen Kirchturm hinaus weiß auch Markus Geiger, Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks im Landkreis Esslingen, zu schätzen: „Die Veranstaltungen sind so bunt, dass sie auch über die Kirche hinaus in die Gesellschaft wirken.“

Um den Kindern bei der Abschlussveranstaltung am 22. Juli etwas Besonderes zu bieten, wurde bereits aus Italien ein Karussell mit Fußbetrieb extra für den Bezirkskirchentag bestellt.

Für alle Generationen etwas ist das Open-Air-Festival „Open Skys“ am Freitag, 13. Juli, im Schlachthof-Areal.