Jakob Friedrich Klemm hat die erste württembergische Realschule in Nürtingen gegründet

Jakob Friedrich Klemm, war Dekan in Nürtingen und gründete die erste Realschule Württembergs.

31.08.2020 05:30, Von Lutz Selle

NÜRTINGEN. Die Jakob-Friedrich-Klemm-Straße verbindet in Nürtingen die Sigmaringer Straße mit der Moltkestraße. Jakob Friedrich Klemm hat von 1733 bis 1793 gelebt, war Dekan und hat im Jahr 1783 in Nürtingen die erste Realschule in ganz Württemberg gegründet. Daher passt die Lage der nach ihm benannten Straße gut. Denn sie liegt für einige der heutigen Nürtinger Realschüler auf dem Schulweg. Gleichwohl hat die Nürtinger Realschule des 18. Jahrhunderts mit der Neckar-Realschule und der Geschwister-Scholl-Realschule nur indirekt etwas zu tun. Denn die früher Neckarrealschule I und II genannten Bildungseinrichtungen wurden erst am 7. September 1969 bezogen. Die Schüler hatten zuvor die so genannte „Mittelschule“ besucht, die sich seit 1929 in den Räumen der heutigen Mörikeschule befand.

Zu Zeiten von Jakob Friedrich Klemm hatte die Lateinschule in Nürtingen das Bildungsmonopol. Klemm war indes der Meinung, dass in den württembergischen Lateinschulen der „Realunterricht als Vorbereitung auf praktische Berufe“ fehlt. Nürtingen mit seinem reichen Spital erschien Klemm der geeignete Ort für einen Versuch zu sein. Er verfasste im November 1782 den Entwurf zu einer Real- und Bürgerschule. Er stellte fest, dass die „lateinische Schule nur zur Vorbereitung auf gelehrte Berufe dienen“ könne. Neben den Sprachen, „die nur ein Gelehrter brauche“, sei „alles andere – selbst die Religion – Nebenfach“. Da nun die Lateinschule „auch von solchen besucht wird, die nach ihrer Konfirmation ein Handwerk, eine Profession, den Handel oder den Beruf eines deutschen Lehrers wählen, erwächst hieraus ein doppelter Schaden“. Erstens würden die Studierenden „durch die anderen im Fortschritt gehindert“. Der Nachteil für die künftigen Handwerker sei aber noch größer: „Wenn sie sieben bis acht Jahre sich mit Latein geplagt haben, vergessen sie alles in einem Jahr der Lehre ebenso leicht, als es ihnen schwer einging. Sie haben mit vieler Mühe nichts gelernt. Ihre Religions- und Glaubenslehre verstehen sie nicht und sind höchstens dummstolz darauf, einmal Lateiner gewesen zu sein. Von der Erde, ihrem Wohnplatz, ihren Produkten, von Natur und Menschen, von der Kunst, sich in Briefen und Aufsätzen auszudrücken, von der Rechen- und Messkunst, der Landwirtschaft, vom Französischen haben sie nichts gelernt. Dass für diesen tätigen und unentbehrlichen Teil der menschlichen Gesellschaft am wenigsten gesorgt ist, ist sehr zu beklagen“, schrieb Klemm.

1782 war Jakob Friedrich Klemm Dekan in Nürtingen geworden. Im gleichen Jahr legte er einen Entwurf zur Errichtung einer Real- und Bürgerschule vor. Sie sollte drei Zwecken dienen: der Fortbildung von Lehrlingen, der Aufnahme der Schüler der oberen deutschen Schulklassen und der Ausbildung von Lehrern der deutschen Landschule. In 24 Wochenstunden sollten folgende Fächer unterrichtet werden: Französisch, die Muttersprache, Sachkunde, Rechnen, Geometrie, Zeichnen, Erdbeschreibung und Naturgeschichte, Geschichte, Landwirtschaft, Botanik und Religion.

Gegenüber dem Lehrplan der 35 Jahre älteren Berliner Realschule zeigte Klemms Entwurf viel Neues und Eigenes. Klemm betonte in seinem ersten Bericht an den Herzog Karl, dass „man auf keine ähnliche Anstalt außer Landes, sondern bloß auf die lokalen Umstände der Stadt Nürtingen Rücksicht genommen“ habe. Allerdings waren einige Schüler mit dem vielen Unterrichtsstoff überladen oder hatten wegen ihrer Mithilfe in der väterlichen Landwirtschaft zum Besuch der Realschule gar keine Zeit.

Lateinschüler schätzen Realschule als Ergänzungsangebot

Dennoch, so heißt es in einer Schrift aus dem Jahr 1919, zeigte „die Bürgerschaft große Lust zu einer Probe, und die Regierung des aufgeklärten Herzogs Karl begrüßte Klemms Plan mit Freuden“. Es wurde anerkannt, dass die bürgerlichen Stände auch ohne das Lateinische ein Anrecht auf höhere Bildung haben. 1783 wurde der Plan realisiert. Die Stadt ernannte die Lehrer, das Spital trug die Kosten. Bald zeigte sich, dass die Lehrlinge und Volksschüler der neuen Schulart wenig Interesse entgegenbrachten, statt dessen aber mehr Lateinschüler und Lehramtsstudenten die neue Schulart frequentierten, die den Realschulunterricht als reines Ergänzungsangebot betrachteten. Daher mussten die Unterrichtsstunden der Realschule so gelegt werden, dass sie mit denen der Lateinschule nicht zusammenfielen.

Es sollte bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts dauern, bis die Mittel- und Realschulen ihren wirklichen Aufschwung erlebten. 1874 entstand dann aus einer Verschmelzung der Real- und Lateinschule das Realprogymnasium, das heutige Max-Planck-Gymnasium.

In räumlicher Hinsicht hatte die Realschule auch anfangs kein eigenständiges Dasein geführt: Sie logierte im 1781 errichteten Neubau der Deutschen Schule in der Kirchstraße 13. Neben der Realschule entstand im Jahr 1787 auch eine Töchterschule, die in zwölf Wochenstunden Unterricht in Recht- und Schönschreiben, Französisch, Rechnen und Erdkunde von dem Reallehrer erhielten.

Jakob Friedrich Klemm wurde am 25. August 1733 in Herrenberg als Sohn eines Kaufmanns und einer Pfarrerstochter geboren. Er konnte schon mit drei Jahren lesen. Nach dem Besuch der Herrenberger Lateinschule trat er – wie später auch Hölderlin – in die Klosterschulen Denkendorf und Maulbronn ein. Ab 1752 studierte Klemm am Tübinger Stift Theologie und machte 1757 ein ausgezeichnetes theologisches Examen. Danach wurde er für fünf Jahre Hauslehrer beim Kanzler der Universität, Jeremias Friedrich Reuß, in Tübingen und sammelte dort pädagogische Erfahrungen. Ab 1760 wurde er zudem Stiftsrepetent, ehe er zwei Jahre später zum Stadtvikar in Stuttgart berufen wurde. Im November 1763 folgte die Berufung zum Zweiten Pfarrer in Balingen. 1782 wird er schließlich von Herzog Karl Eugen als Dekan nach Nürtingen gerufen. Dort starb er am 24. Juni 1793.