Früherer Nürtinger Dekan Theodor Dipper

"Hotel Silber"-Videoblog von Dr. Imanuel Baumann: Theodor Dipper

Videoblog von Dr. Imanuel Baumann zum "Hotel Silber", der ehemaligen Gestapo-Zentrale für Württemberg und Hohenzollern, er geht im Blog auf Pfr. Theodor Dipper ein. Vielleicht interessieren Sie die kurzen Clips (je ca. 2 Minuten). Die Beiträge hat er für die Öffentlichkeitsarbeit im Haus der Geschichte Baden-Württemberg aufgenommen, um das Museum zu den Menschen nach Hause zu bringen.

 

Videoblog I zu Pfarrer Theodeor Dipper: mehr erfahren

 

Videoblog II zu Pfarrer Theodor Dipper - Rettungswiderstand: mehr erfahren

 

Mutiger Einsatz für verfolgte Juden

Der evangelische Pfarrer Theodor Dipper beteiligt sich von

Reichenbach aus an der Organisation der Württembergischen Pfarrhauskette

Ein Beitrag von Jörg Thierfelder

Nur wenige Reichenbacher dürften damals gewusst haben, welch mutigen und riskanten Einsatz für verfolgte Juden ihr evangelischer Pfarrer, Theodor Dipper, im Zweiten Weltkrieg gewagt hat.  

Als nämlich ab 1941 die Nazis begannen, die noch in Deutschland lebenden Juden nach Osten in den fast sicheren Tod zu deportieren, tauchten zahlreiche Juden unter. Besonders viele solcher "Taucher" gab es in Berlin.

Manche von ihnen versuchten aus Berlin wegzukommen, um irgendwo anders einen Unterschlupf zu finden. Das Ehepaar Max und Karoline Krakauer kam 1943 nach Württemberg. Sie wurden durch 40 Pfarrhäuser geschleust und gelangten 1945 unversehrt in Freiheit.

Einer der entscheidenden Organisatoren der "Württembergischen Pfarrhauskette" war Theodor Dipper. Seine Frau und er nahmen ab 21. Dezember 1944 Max und Karoline Krakauer für mehrere Wochen im Reichenbacher Pfarrhaus auf. Dipper bemühte sich auch um weitere Quartiere für die Flüchtlinge. Über 40 Pfarrhäuser wurden von 1943 bis 1945 Zufluchtsorte für die Krakauers. Neben Krakauers waren es noch nachweislich mehr als zehn weitere jüdische Flüchtlinge, die in schwäbischen Pfarrhäusern untergebracht wurden. Ein gefährliches Unterfangen, denn auf das Verstecken von Flüchtlingen standen hohe Strafen. Doch die Gemeinden hielten dicht, auch die Reichenbacher.

Theodor Dipper war 1938 evangelischer Pfarrer in Reichenbach geworden. Er war seit 1934 Mitglied der Bekennenden Kirche, die sich gegen die staatshörigen Deutschen Christen zur Wehr setzten. Mit anderen zusammen gründete er die Bekenntnisgemeinschaft, in der sich die Bekenntnispfarrer sammelten. Dipper leitete bis 1938 den landesweit operierenden Evangelischen Gemeindedienst, der z.B. mit Vorträgen und Freizeiten die Gemeindearbeit fördern wollte.

Bald geriet Theodor Dipper in das Visier der Gestapo. Weil er kritische Vorträge über den NS-Chefideologen Alfred Rosenberg hielt, erhielt er Redeverbot. Der Oberkirchenrat konnte keine Rücknahme des Verbots erreichen. So wurde Dipper als Pfarrer nach Reichenbach versetzt. Nur dort durfte er predigen. Lieber wäre ihm gewesen, wenn der Oberkirchenrat ihn beim Gemeindedienst belassen hätte. Dipper wäre durchaus bereit gewesen, die Folgen eines Widerstands gegen die polizeiliche Anordnung zu tragen.

Theodor Dipper hatte es nicht ganz einfach in Reichenbach. Im Vergleich zu seinem leutseligen Vorgänger, wirkte er, der bekenntnistreue Pfarrer und hervorragende Theologe, etwas streng. Er brachte, wie sich zeigen sollte, auch Unruhe in die Gemeinde. Theodor Dipper fand in der Gemeinde mehrere Gruppen, auf die er sich bei seiner Arbeit besonders stützen konnte, unter anderem den Kinderkirch-Helferkreis und einen Kreis von engagierten Frauen. Die Doppelbelastung als Leiter der Bekenntnisgemeinschaft und als Pfarrer beanspruchte ihn sehr. Mehr noch kostete der Kleinkrieg mit der örtlichen NSDAP viel Kraft. Auch in Reichenbach bestürmten die Nazis die Eltern 1938, ihre Kinder vom Religionsunterricht abzumelden und sie stattdessen beim NS-Weltanschauungsunterricht anzumelden. Sie hatten allerdings keine großen Erfolge zu verbuchen, weil Dipper sich stark für den Religionsunterricht einsetzte. Im Juni 1939 gingen nur sieben Reichenbacher Kinder in den Weltanschauungsunterricht.

Theodor Dipper unterstützte Menschen, die gegen die Nazis opponierten. So nahm er 1938 Emma Schwille aus Neckartenzlingen als Gemeindehelferin in Reichenbach auf, nachdem diese ihren Posten bei der Kreissparkasse in Neckartenzlingen verloren hatte. Sie hatte - wie Dipper auch - bei einer Volksabstimmung 1938, in der Hitler ein Ja zu seiner Politik haben wollte, mit Nein gestimmt. Weil Dipper sich darüber hinaus um weitere Menschen kümmerte, die wegen ihrer Neinstimme berufliche Nachteile davontrugen, wurde er verhaftet und für knapp drei Wochen ins KZ Welzheim gebracht. In Reichenbach gab es nun manche Gemeindeglieder, die sich von ihm distanzierten. Doch der Kirchengemeinderat hielt zu ihm.

Theodor Dipper wurde nach dem Krieg Dekan in Nürtingen und 1959 in Ludwigsburg. Kurz nach Antritt seines Ruhestands verstarb er 1969. Im Jahr 2003, seinem 100.Geburtstag, setzte Reichenbach dem mutigen Pfarrer ein Denkmal, indem die Gemeinde den Platz vor der Reichenbacher Mauritiuskirche in Theodor-Dipper-Platz umbenannte.

Jörg Thierfelder

Jörg Thierfelder ist emeritierter Professor für Evangelische Theologie und Religionspädagogik. Er wurde 1938 in Stuttgart geboren und lebt heute in Denkendorf. Der promovierte Theologe war Studentenpfarrer in Esslingen und lehrte unter anderem an der Pädagogischen Hochschule Esslingen wie auch an der PH und der Universität Heidelberg. 1980 arbeitete er an der Ausstellung "Evangelische Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz" im Berliner Reichstag mit. Zusammen mit Eberhard Röhm ist er Autor der Reihe "Juden – Christen –Deutsche", einer Gesamtdarstellung der Geschichte von Juden und Christen im Dritten Reich.

Mutiges Ringen um den richtigen Kurs

50. Todestag von Theodor Dipper

* 20. Januar 1903 in Unterheinriet   † 20. August 1969 in Imperia (Ligurien)

Die Gedenkstätte „Hotel Silber“ würdigt Pfarrer Theodor Dipper, der etlichen Verfolgten in der NS-Zeit das Leben rettete.Archiv der Württembergischen Landeskirche in Württemberg

Theodor Dipper, heute weithin vergessen, gehört zu den markantesten Persönlichkeiten der württembergischen Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts. Vorhersehbar war dies nicht.

Zunächst deutete alles auf eine mehr oder minder „normale“ kirchliche Karriere hin – beginnend mit dem Besuch der Seminare in Maulbronn und Blaubeuren, der Aufnahme in das Evangelische Stift während des Theologiestudiums an der Universität Tübingen, dem Antritt der ersten eigenständigen Pfarrstelle in Würtingen auf der Schwäbischen Alb am 23. Mai 1930 und der unmittelbar darauf erfolgenden Eheschließung mit Hildegard Gauß, der Tochter des Heilbronner Prälaten Karl Gauß.

„Kirchenkampf“

Einen ungewöhnlichen Verlauf nahm das Leben Theodor Dippers erst, nachdem Adolf Hitler und mit ihm der Nationalsozialismus dank Wahlerfolgen, Geschick und Gewalt 1933 die politische Macht zu monopolisieren vermochte und konsequent darauf hinarbeitete, Politik, Gesellschaft und Kultur nach seinen eigenen – biologistischen-rassistischen – Ordnungsvorstellungen zu reorganisieren.
An der Andreaskirche in Würtingen war Theodor Dipper ab 1930 Pfarrer.Evangelische Kirchengemeinde Würtingen

Binnen kurzem wurde deutlich, dass der Geltungs- und Gestaltungswille des 1933 gerade im protestantischen Sozialmilieu oft begeistert begrüßten Führers und des „neuen“ Staates auch vor der Kirche nicht Halt machen würden. Im Zeichen der neu geschaffenen – und ebenfalls anfänglich stürmisch begrüßten – Reichskirche, geführt von Hitlers Vertrautem, Reichsbischof Ludwig Müller, wurde vielmehr der Versuch unternommen, überkommene Traditionen hinwegzufegen, dem gesamten Protestantismus eine zentralistische Struktur aufzunötigen und über die Deutschen Christen neue Glaubensformen zu etablieren, die sich durch ihre Wahlverwandtschaft mit der NS-Ideologie auszeichneten.
Dementsprechend zeichnete sie das Bild eines heldischen Christentums, eines siegreich-arischen Christus´ und verwarf alles, insbesondere alttestamentliches Glaubensgut, das als unvereinbar mit „deutschen“ Werthaltungen galt.
Der frühere württembergische Kirchenpräsident und Landesbischof Theophil Wurm.Archiv der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

Partner und Kritiker von Bischof Wurm

Gegen diese Pervertierung der eigenen Tradition formierte sich der innerkirchliche Widerstand in Gestalt der Bekennenden Kirche, der sich auch die württembergische Landeskirche unter Theophil Wurm zugehörig wusste. Als Wurm im Mai 1934 nach Barmen reiste, gehörte Theodor Dipper zu seinen Begleitern.
Und wenn sich der württembergische Landesbischof in den Gleichschaltungsversuchen des Jahres 1934 behaupten konnte, dann vor allem deswegen, weil er sich auf die Loyalität der Mehrheit in Pfarrerschaft und Kirchenvolk verlassen konnte – und weil ihm in der von Theodor Dipper geführten Bekenntnisgemeinschaft ein verlässlicher Bündnispartner im Lande zur Seite stand.

Wechsel nach Reichenbach an der Fils

Hier, an der Seite seines Landesbischofs, ihn unterstützend und ihn wohlwollend kritisierend, erwarb sich Theodor Dipper bleibende Verdienste für „seine“ Kirche. Sein persönlicher Einsatz war hoch: er wurde vielfach angefeindet, mehrfach von der Gestapo inhaftiert, aber auch schärfster Kritik von denjenigen ausgesetzt, denen sein auf Ausgleich bedachter Kurs gegenüber der württembergischen Kirchenleitung als zu moderat, zu nachgiebig erschein.

Auch mit Landesbischof Theophil Wurm sollte es 1938 schließlich zum Bruch kommen, bedingt durch kirchenpolitische Dissonanzen. Im gleichen Jahr bewarb sich Dipper um die Pfarrstelle in Reichenbach an der Fils, von wo aus er die Geschicke der Bekenntnisgemeinschaft weiterhin maßgeblich beeinflusste.

    „Danke nein, aber ich nehm' gern was mit.“
    Theodor Dipper

„Der verfressenste Pfarrer Reichenbachs“

Aus seiner Reichenbacher Zeit wird eine Episode berichtet, die uns den Menschen Theodor Dipper erkennen lässt: „Der Pfarrer Dipper“, so erinnert sich ein Zeitzeuge, „war der verfressenste Pfarrer Reichenbachs, den es je gegeben hat. […] Er hat immer, wenn er auf Besuch kam und man hat ihm was angeboten, gesagt: Danke nein, aber ich nehm´ gern was mit. Da hat man ihm halt jedesmal ein Brot und ein paar Eier in die Tasche getan“.

Der Grund für dieses merkwürdige Verhalten war einfach: Dipper gewährte im Reichenbacher Pfarrhaus verfolgten Juden Unterkunft, er war zentraler Teil jener „Württembergischen Pfarrhauskette“, die unter Lebensgefahr zu helfen versuchte, wo es nur ging – eben auch mit Lebensmitteln.

„Gerechter unter den Völkern“

Posthum, im Jahre 2008, sollte er für dieses Verhalten die ihm gebührende Ehrung erhalten, als ihm gemeinsam mit seiner Frau der Ehrentitel eines „Gerechten unter den Völkern“ von der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Ludwigsburg verliehen wurde.

Laufbahn nach dem Krieg

1945 wurde Theodor Dipper zum Dekan von Nürtingen ernannt, 1959 folgte der Wechsel als Dekan nach Ludwigsburg. Auch in dieser Zeit seines Lebens brachte sich Dipper vorbehaltslos in das Ringen um den rechten Kurs der Kirche ein; zugleich warb er unermüdlich um ein adäquates Verständnis dafür, was ihm vom Evangelium her für die Gesellschaft nach dem Krieg geboten schien.

Erst 66 Jahre alt, erlag er am 20. August 1969 in Imperia, seinem italienischen Urlaubsort, einem Herzinfarkt.

Dr. Norbert Haag